Das Geld vom Himmel

20. August 2009

Banken und ihr Lebensblut, das Geld, sind dem Normalmenschen ein Geheimnis. Zwar hat er jeden Tag mit ihnen zu tun, aber sie sind umgeben von einem gewissen Schleier, der nicht durchdrungen wird. Ehrfürchtige Scheu empfinden wir vor den rätselhaften Vorgängen innerhalb der heute mächtigsten Institutionen, den Banken, andererseits haben wir jeden Tag mit Geld zu tun und wissen um unseren Kontostand. Dies grenzt an einen psychotischen Zustand.

Die Grundlage für das Verständnis des Systems ist die Geldschöpfung. Wer aber darf in unserer Wirtschaft Geld herstellen?
Beim Bargeld ist die Geschichte noch einigermaßen erträglich und stimmt mit unseren Vorstellungen überein. Eine Institution des Staates, in Deutschland die Bundesbank, druckt das Geld. Dieses Geld wird also aus dem Nichts erschaffen. Wie viel sie so erzeugt, hängt vom Bedarf an Bargeld ab, es waren 2003 etwa 70 Milliarden Euro. Diese Schaffung ist Regeln unterworfen. Umgehend verleiht sie das Bargeld an die Banken zum Schlüsselzinssatz der Europäischen Zentralbank (EZB). Dieser bewegt sich zwischen ca. 1,5 und 4 %. Die Banken verleihen das Geld weiter, teilweise zu einem Zinssatz von mehr als 10 %. Teilweise handelt es sich aber um Auszahlungen von Guthaben, die sie nicht verzinsen können. Der Gewinn aus den 2 % Zinsen für die Verleihung des Bargeldes kommt der Bundesbank und damit dem Staat zugute.

Einige meinen, dass dies auch schon eine grobe Ungerechtigkeit an sich sei, da die Privatbanken oft ein Vielfaches der Bundesbank-Zinsen in Höhe von 2 % kassieren. Richtig interessant ist dagegen aber die Schöpfung von Buchgeld.

Nehmen wir die Schaffung von Staatsschulden als Beispiel. Die Bundesregierung machte 2003 ungefähr 43 Milliarden Euro Schulden. Unsere gesunde Vorstellung ist, dass die Kapitaleigentümer dem Staat das Geld leihen. Die Vereinbarung über diesen Vorgang wird in Staatsanleihen gedruckt. Doch das System der Buchgeldschöpfung ist genial. Statt vorhandenes Geld zu benutzen, gehen die Banker folgendermaßen vor: Mit der doppelten Buchführung wird auf die linke Seite 43 Milliarden Saldo geschrieben. Auf die rechte Seite 43 Milliarden Guthaben. Das alles geschieht nur als Eingabe im Computer. So einfach ist das!
Die (Privat-)Banken erzeugen so das Geld, das sie dem Staat leihen. Dies ist solchermaßen skandalträchtig, dass es eines der am besten gehüteten und verschleierten Geheimnisse ist. Nur verborgen durch eine komplizierte Fachterminologie und die allgemeine Scheu und Ehrfurcht vor dem Geld – denn über Geld redet man nicht – kann dieses System funktionieren. Es erzeugt ein enormes Wachstum des privaten Kapitals in Form von Buchgeld. Bei der mit Argusaugen beobachteten Geldmenge handelt es sich dagegen nur um Bargeld.

Aber die Staatsschulden sind nicht der einzige Weg, wie die privaten Finanzinstitutionen Geld aus dem Nichts zaubern. Auch bei der Vergabe von Krediten für Privatpersonen und Unternehmen wird nach demselben Prinzip verfahren. Auf der linken Seite wird erst ein Saldo geschrieben, das dem Kunden als Guthaben zur Verfügung gestellt wird. Auf der rechen Seite, aus dem Nichts also, entsteht das Geld für den Kredit. Als eine Zahl im Computer wird auf die rechte Seite das vor der Kreditvergabe nötige Geld gutgeschrieben. Mit diesem simplen Trick, der durch allgemeine Vernebelung geheimgehalten wird, wird die Geldschöpfung den Finanzinstitutionen ermöglicht. Der enorme Erfolg der Kreditkartengesellschaften wird so verständlich.

Nicht nur moralisch und gesellschaftspolitisch ist dieses System der falsche Weg. Dieser Selbstbedienungsautomatismus entwertet das Geld, und langfristig steigt das Geldvermögen exponentiell und viel schneller als das reale Vermögen an Sachwerten, auch als das Bruttosozialprodukt. Am Ende steht die Entwertung des Geldes, die den Verlust der Ersparnisse des Bürgers bedeutet. Diese Entwicklung ist unausweichlich.

Durch diese Kreditvergabepraxis entstehen natürlich massenweise faule Kredite bzw. Geld, das nicht durch reale Werte abgesichert ist. Das wird zunehmend zum Problem, wie etwa die Kreditsituation der Drittweltländer zeigt. Doch wenn die Banken in Gefahr geraten, ist der Staat zur Stelle und finanziert die faulen Kredite, garantiert also für das aus dem Nichts erzeugte Geld. Wiederum läuft das unter einer bewusst irreführenden Terminologie.

Die Aktienmärkte sind ein Grundbaustein in der Schöpfung von Geld. Steigen die Kurse, wird Buchgeld geschaffen. Die Aktienmärkte sind hochspekulativ und irrational. Das Geld, das auf diesen Finanzmärkten geschaffen wird, ist nicht durch reale Werte abgesichert. Die Börsencrashs oder die „Blase“ kurz nach dem Jahrtausendwechsel im Jahr 2000, bei deren Platzen zig Milliarden „vernichtet“ wurden, zeigt die Instabilität des Systems. Auch hier besitzen die Banken große Macht, denn durch die Verbreitung von Gerüchten über die Kreditwürdigkeit von Unternehmen sowie durch gezielte Interventionen können sie die Aktienkurse steuern. Wie im Falle von Kirchs Medienimperium kann auch ganz einfach ein Unternehmen dem Konkurs überantwortet werden.
Die Selbstbedienungsmentalität in unserem Finanzsystem macht es zunehmend instabil, ja, explosiv:
„Der explosive Effekt unseres Finanzsystems zeigt sich beispielsweise in der immer schneller werdenden Entwicklung der Schulden hier im Lande – wie auch überall auf der Welt. Demgegenüber kann das Bruttosozialprodukt, also die Wertschöpfung weitaus weniger schnell wachsen – die Schulden wachsen mehr als 2,5 mal schneller als die Produktivität. Logische Folge davon ist, dass schon bald die Zinslasten für den Schuldenberg nicht mehr bezahlt werden können und es zu einer schweren Krise kommen muss. Auch ‚Sparen’ hilft hier nicht weiter, weil eine Unterbrechung der Kreditaufnahme unmittelbar eine Depression zur Folge hätte. Schuldenabbau ist unmöglich in diesem System. Frage an Sie: Kann jemand dauerhaft überleben, dessen Schuldenberg 2,5 mal schneller wächst als sein Einkommen – oder muss nicht der Bankrott die unmittelbare Folge davon sein?“
(aus www.geldcrash.de, Kolumne von Günter Hannich (Stand 09/2004)).

So kann unser Geldsystem unter dem Motto „Milliarden für die Banker, Schulden für das Volk“ zusammengefasst werden.