Der Dritte Weg

16. November 2009

Geld regiert die Welt. Wir alle wissen es und müssen uns danach richten, daß wir unsere Fähigkeiten verkaufen müssen, daß wir uns behaupten müssen auf dem Markt. Dieser Aspekt unser wirtschaftssystems läßt uns in der Regel vergessen, daß dieser Sozialdarwinismus nicht naturgegeben ist. Doch blickt man auf die Expertendiskussion, scheint es keinen Ausweg zu geben. Eine gesunde Volkswirtschaft, einen starken Euro, Senkung der Lohnnebenkosten, Investitionen, die Vorschläge bleiben systemimmanent, obwohl die strukturellen Probleme unseres lieben Sozialdarwinismus Kapitalismus offen auf der Hand liegen und schon immer eine Krise genannt werden konnten.

Die Probleme der modernen Welt mit ihrer Wirtschaft sind abseits der Kriege folgende:

- Die ökologische Krise,

- Die Verschwendung der Naturressourcen,

- Die Massenarbeitslosigkeit,

- Die Staatsverschuldung,

- Die erste-dritte-Welt Problematik,

- Monopolismus,

und Konsumzwang,

alle diese Faktoren scheinen von der Politik nur von Zeit zu Zeit wahrgenommen zu werden, jedenfalls haben sie noch niemand dazu verleitet, die Grundlagen unseres Wirtschaftssystems in Frage zu stellen. Der Blick zur Wissenschaft erklärt dieses Phänomen etwas: Die Wirtschaftswissenschaft steht den fundamentalen Problemen fast gleichgültig gegenüber. Sie beschäftigt sich lieber mit der Suche nach mathematischen Modellen für das gegenwärtige System und versucht herauszufinden, wie die regelmäßige Fluktuation von Rezession und Aufschwung zu erklären sei. Sie ist damit beschäftigt, Regeln in dem gewaltigen komplexen System der Wirtschaft zu finden, die erklären, warum eine Volkswirtschaft blüht, die andere dahindarbt, warum ein Unternehmen Gewinne einstreicht, ein anderes nicht. (Wir wünschen ihr dabei weiterhin viel Vergnügen und Nobelpreise.) Sie ist im besten Sinne eine systemimmanente Wissenschaft, die nicht vermag, über den Tellerrand hinauszuschauen. Der große Opponent der bürgerlichen wirtschaftstheorie war ja auch immer der Marxismus, der in seiner praktischen Ausführung eine beispiellose Ausbeutung sozialer und natürlicher Ressourcen veranstaltete, mithin also das Gleiche wie der Kapitalismus, nur verbunden mit einer noch autoritäreren Staatsform, in der diese Ausbeutung sehr viel rigider vonstatten ging. Der Marxismus als Antithese zum Kapitalismus wird von dem gleichem strukturellen Fundament getragen wie der Kapitalismus, nämlich dem Begriff des Geldes als reinem Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel, somit als neutrale Instanz. Marx sah das charakteristische Merkmal des Kapitalismus im Eigentum der Produktionsmittel. In der marxistischen Theorie ist der Eigentümer der Produktionsmittel der Kapitalist. So sollte es im Kommunismus nur noch Gemeinschaftseigentum geben. Daß der Mensch aber ohne Privateigentum auch keine Privatsphäre hat, ist die eine Seite des Problems. Die andere ist, daß der Unternehmer mit seinen Ideen und seinem Einsatz eine wirkliche Leistung erbringt, während das Kapital, das er benötigt, dem Eigentümer ein arbeitsloses Einkommen ermöglicht. Im Kapitalismus wird derjenige am meisten belohnt, der gar keine Leistung erbringt, der Kapitaleigentümer.

Die strukturelle Krise unserer Ökonomie wird weder im Marxismus noch in der bürgerlichen Wirtschaftaftstheorie angemessen analysiert. Das Menschenbild dieser ist zudem haarsträubend. Ein allgemeiner Pessimismus in bezug auf die menschliche Natur ist hier vorzufinden: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Im Neoklassiszismus heißt das homo oeconomicus, ein Mensch, der stets nach seinem Vorteil strebt.

Daß dieser Mensch eine fundamentale Krise verursacht, scheint keine Konsequenzen zu bewirken. Der Club of Rome hat schon vor Jahrzehnten die dringend nötige Umwandlung unseres Wirtschaftssystems oder besser unseres globalen Verhaltens gefordert, soll die Welt, wie wir sie kennen, weiterbestehen.

Anders als in den impotenten Theorien des Marxismus und des Neoklassizismus, deren Wirkung und Einfluß überall besichtigt werden können, muß aus Kapitalismus und Marxismus, der These und Antithese, im guten hegelschen Sinn eine Synthese gefunden werden. Wo sollte man sie suchen? Die Antwort findet sich in ihren Resultaten: Beide sind schlecht, was haben beide gemeinsam? Wie oben angesprochen haben sie eine gemeinsame Geldtheorie.

Abseits von Marx und dem Neoklassizimus existieren einige andere Analysen, was das “real existierende Geld” sowohl im Sozialismus als auch im Kapitalismus anrichtet. “Das Kapital ist flexibel, der Arbeitsmarkt ist es nicht.” Diese Erkenntnis findet sich auch im Neoklassizismus, aber die Konsequenz daraus, die Flexibilität des Kapitals zu reduzieren, seinen ungerechten Vorteil gegenüber Arbeit und Waren aufzuheben, dieser Gedanke ist tabu. Der ungerechte Vorteil besteht darin, daß Geld nicht nur Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel ist, sondern seinem Besitzer den sogenannten Liquiditätsvorteil verschafft. Das bedeutet, daß anders als Arbeitskraft, die gezwungen ist, sich anzubieten, will der “Eigentümer” derselben nicht verhungern, und Waren, die nur eine begrenzte Lebensdauer besitzen und Lagerkosten verursachen, das Geld eine “Jokerposition” auf dem Markt einnimmt. Unter anderem kann der Geldbesitzer warten, solange er will, bis er günstige Anlegekonditionen erreicht hat. Der Wirtschaft aber wird dadurch gezwungen, Zinsen und Renditen für das benötigte Kapital zu zahlen. Das Resultat ist ein Ungleichgewicht, in dem die Kapitaleigner Zinsen “erpressen” können und diese Kosten auf Arbeitskraft und Waren abgewälzt werden.

Die Preise aller Waren und Leistungen enthalten diese Zinsen bzw. die Liquiditätsverzichtsprämie. Eine Wohnung etwa, die 200.000,- DM in der Herstellung kostet, kostet dann bei 8 % Zinsen alleine in Zinsen mehr als 1.300 DM monatlich. Nebenkosten noch nicht eingerechnet. Bezahlbarer Wohnraum?

Für jede Ware zahlen wir einen gewissen Prozentsatz an die Kapitalgeber. Kapitalintensive Vorhaben beinhalten enorme Zinskosten, die auf ihnen lasten, so daß die Auswahl dieser Vorhaben von ihrer Rentabilität abhängt und etwa die Solarenergie als kostenintensive Anlage sich nur schwer rechnet.

Jedes wirtschaftliche Unternehmen muß für sein Grundkapital Zinsen bezahlen. Damit wird wesentlich die Wirtschaftlichkeit einer Geschäftsidee gestaltet. Denn nur noch Unternehmungen, die mehr verdienen als Zinsen und Kosten können wirtschaftlich überleben.

Der Geldgeber andererseits kann sich ein Rennpferd kaufen oder sonst etwas. Arbeiten muß er nicht, denn er läßt den Unternehmer ja Zinsen bezahlen. Da allerdings die Geldgeber immer mehr Geld haben wollen, investieren sie die Zinsen wiederum in Unternehmen, die wiederum Zinsen bezahlen. Die Bildung von Konzernen und Monopolen ist vorprogrammiert. Der Geldgeber kann gar nicht anders, als immer mehr verdienen. So wird kontinuierlich in der gesamten Weltwirtschaft den Kapitalgebern arbeitsfreies und exponentiell wachsendes Einkommen zugeschaufelt. Der erste Effekt ist, daß die Wirtschaft Wachstum benötigt, um ständig mehr Werte zu schaffen, um die kontinuierliche Umverteilung einigermaßen zu verkraften. Denn nur, wenn nicht einige superreich und alle anderen schweinearm sind, kann das System weiterfunktionieren. Dafür wird der Wachstum benötigt. Außerdem wird dafür der Staat benötigt, der kapitalintensive Vorhaben finanziert. Und es werden wohl noch einige andere Sachen benötigt.

Der Staat als größter Schuldner zahlt sehr viel Geld an die Geldgeber. Die Bundesrepublik ist momentan mit über zweitausend Milliarden DM verschuldet und zahlt 25 % ihre Einnahmen an Zinsen. Diese fünfundzwanzig Prozent werden durch Steuern und Abgaben natürlich vom Steuerzahler finanziert. Schon das Problem der hohen Abgaben und der geringen Liquidität der Bürger ist somit auf die Zinsen zurückzuführen. Weiterhin natürlich auch die ganzen Probleme mit der Rentensicherung, der Gesundheitskosten usw.

Der Staat unterstützt zudem die Geldgeber, indem er ihnen Anreize zum Investieren gibt, die größten Verdiener zahlen die wenigsten Steuern. (Dafür investieren sie dann z.B. in den sozialen Wohnungsbau, gut, aber ärmer werden sie dadurch auch nicht.) Der Staat steckt viel Geld in Großprojekte, die dem Steuerzahler zweifelhafte Vorteile bringen. Beispiel: Atomkraft. Hier wird den Großinvestoren eine Möglichkeit gegeben, mit staatlichen Zuschüssen monopolähnliche Strukturen aufzubauen und viel Geld dabei zu verdienen. Die Rüstungsindustrie ist ein weiteres Beispiel für das Zusammenspiel von Staat und Großkapital. Der Steuerzahler zahlt teure Rüstungsprojekte, die keinen produktiven Nutzen bringen, mithin also dem Wirtschaftskreislauf entzogen sind. Doch die Geldgeber verdienen dabei.

Wenn diese einmal so reich sind, daß sie gar nicht mehr wissen, wohin mit dem Geld, gründen sie vielleicht Kulturinstitute, deren Finanzierung aber ein leichtes ist. Nicht der Unternehmer, der für seinen Unternehmerlohn arbeitet, beutet die Arbeitskraft aus, sondern der Unternehmer wird vom Kapitalgeber selber ausgebeutet. Denn der Unternehmer leistet Arbeit, während der Kapitalgeber die Däumchen dreht und in der Leistungsgesellschaft “am meisten” leistet.

Der Staat befindet sich in einer klassischen Zwickmühle. Einerseits ist die Wirtschaft abhängig von Investitionen. Andererseits ist die soziale Gerechtigkeit und die soziale Absicherung der Bevölkerung für ein stabiles politisches System von größter Wichtigkeit. Der Staat zahlt also ständig Geld an die Investoren und andererseits an die sozial Bedürftigen. Das Resultat ist klar: Ein hohes Defizit, der Zwang zum Sparen und am Ende steht der Logik der Umverteilung nach, eine immer größer werdende Polarisation von arm und reich, die sozialen Zündstoff birgt.

Ratlos schaut man auf die Volkswirtschaften, fordert Wachstum um die ständige Massenarbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, um im nächsten Moment das Wachstum mit argwöhnischen Augen zu sehen. Ausbeutung: Ausbeutung der Naturressourcen, Ausbeutung der Arbeiter und Angestellten, die sich wundern, warum sie stetig schuften, um dadurch aber niemals wohlhabender zu werden.

Die Volkswirtschaftswissenschaft scheint das alles als naturgegeben hinzunehmen. Patentrezepte hat sie nicht. Die Neoliberalen sehen vor Bäumen den Wald nicht mehr. Jedem müßte doch auffallen, daß irgend etwas nicht stimmt: Es gibt ein prinzipielles Problem. Die Neoliberalen haben es leicht, ihre Position zu verteidigen, war doch ihr Gegner der Marxismus. Der hat kläglich versagt und den Raubbau und die Ausbeutung mit einer Diktatur verbunden und eine Fehlwirtschaft von nie dagewesenem Ausmaß betrieben.

Warum dies alles?

Die Antwort ist die Vormachtstellung des Geldes. Die exponentiell wachsenden Probleme, die durch die exponentiell wachsenden Volkswirtschaften und den exponentiell wachsenden Raubbau an der Natur verursacht werden, haben aber ihren Grund in dem Zwang zum Exponentiellen: Den Zins und den Zinseszins. Lassen sie ihr Geld arbeiten! Jeder weiß aber, daß Geld keine Arbeit verrichtet.

Die Einführung einer zinslosen Währung würde schlagartig den ständigen Fluß des Geldes hin zu den Konzernen und Kapitaleignern stoppen und einen wirklich funktionierenden (freien) Markt ermöglichen.