Der Schleier um das Geldsystem

20. November 2016

Der Artikel wurde im Rahmen der Utopie-Debatte der Wochenzeitung Freitag geschrieben und 2005 veröffentlicht unter dem Titel “Gut gehütete Geheimnisse”.
Dies ist eine ergänzte Version.

Das Geld ist das Lebensblut der Gesellschaft, und mehr noch: man kann sagen, dass es sie und damit uns regiert. Gleichzeitig ist die Tätigkeit der Banken und der Finanzmärkte von einem Schleier umgeben. Ehrfürchtige Scheu empfinden wir vor den rätselhaften Vorgängen innerhalb der heute mächtigsten Institutionen, den Banken, andererseits haben wir jeden Tag mit Geld zu tun und wissen um unseren Kontostand. Dies grenzt an einen psychotischen Zustand. Dabei hören wir immer wieder, dass wir das Geld arbeiten lassen sollen, dass es sich quasi von selbst vermehren kann. Das ist die größte Illusion der Moderne und des Kapitalismus. Die Geldströme und die Buchgeldmenge steigen unaufhörlich. Renditen und Zinseszins, steigende Aktienkurse schaffen jeden Tag neues Geld, heute ist mehr Buchgeld vorhanden, als es Realwerte gibt. Die Zukunft ist damit schon verkauft.

Das Zinseszinsproblem

Betrachtet man einmal nüchtern die Zusammenhänge, erkennt man, dass wir auf einen Geldcrash zusteuern. Die Zinseszinsakkumulation ist eine exponentielle Wachstumsart und strebt mathematisch gesehen ins Unendliche. Auch ein jährliches Wirtschaftwachstum, das alle als Lösung der Probleme anzusehen scheinen, stellt ein exponentielles Wachstum dar. Das bedeutet, dass bei einem Wachstum von zwei Prozent sich alle 36 Jahre die Wirtschaftleistung verdoppelt. Damit werden zwangsläufig mehr Ressourcen verbraucht, die Umwelt stärker belastet, die Arbeitskraft stärker ausgebeutet - letztendlich ist dies eine krankhafte Entwicklung, die nur zu weiteren Kriegen und anderen Katastrophen führen wird. Auch die Entwicklung der Staatsverschuldung weist auf das Geldproblem hin. Die Schulden steigen dramatisch. Allein die Zinszahlungen für den Schuldenberg machen rund ein Viertel des Staatshaushaltes aus. Und dieses Geld wird den Kapitaleigentümern bezahlt - überall auf der Welt ist kein Geld für Sozialsysteme mehr vorhanden.

Die Geldschöpfung

Im Kapitalismus haben die staaten das Recht auf Geldschöpfung den Finanzinstitutionen überlassen. Nehmen wir die Schaffung von Staatsschulden als Beispiel. Die Bundesregierung machte 2003 ungefähr 43 Milliarden EURO Schulden. Unsere gesunde Vorstellung ist, dass die Kapitaleigentümer dem Staat das Geld leihen. Doch das System der Geldschöpfung funktioniert anders. Statt vorhandenes Geld zu benutzen, gehen die Banker folgendermaßen vor. Mit der doppelten Buchführung werden auf der linken Seite 43 Milliarden Euro Verbindlichkeiten und auf der rechten Seite 43 Milliarden Euro Guthaben geschrieben. So einfach ist das. Die (Privat)banken erzeugen so das Geld, das sie dem Staat leihen. Dies ist solchermaßen skandalträchtig, dass es eines der am besten gehüteten und verschleierten Geheimnisse ist.

In den bisherigen Beiträgen gab es zwei Vorschläge, auf die es näher einzugehen gilt:
1) Die völlige Abschaffung des Geldes und des Marktes (Schandl)
2) Die Inflation als Lösung des Wachstums- und des Geldproblems (Boeing)

Zu Schandls Lösungsvorschlag ist anzumerken, dass schon P. J. Proudhon die Marxsche Vorstellung von einer Planwirtschaft kritisierte. Warum scheiterte der Kommunismus? Er setzte auf autoritäre, zentralistische Wirtschaft und schaffte den Markt ab. Die Märkte funktionieren aber im Kapitalismus nur so schlecht, weil übermächtige Konzerne mit Hilfe der Regierungen diese beherrschen. Proudhon sah schon früh das Manko bei Marx: “Nehmt die Konkurrenz weg… und die ihrer Triebkräfte beraubte Gesellschaft wird wie eine Uhr stehen bleiben, deren Feder abgelaufen ist.”

Inflation ist keine Lösung

Die Inflation als Dämpfer des exponentiellen Wachstums einzusetzen, ist der verzweifelte Versuch, das Prinzip des Zinses aufrecht zu erhalten. Man sah in der Wirtschaftskrise von 1929, wohin die Inflation führt, zum fast völligen Zusammenbruch des Wirtschaftssystems. Die Inflation schafft eine unkontrollierbare Spirale der Entwertung und Verteuerung. Steigt die Inflation und damit die Preise, werden auch die Zinsen angehoben. Die Kredite werden teurer. Damit müssen wiederum die Preise angepasst werden usw. usf.

Der Zins ist eine Steuer auf das Lebensblut der Gesellschaft. Er ist zudem arbeitsloses Einkommen, denn der Geldbesitzer, der Kapitalist, leistet ja keine Arbeit, sondern stellt nur Kapital zur Verfügung. Das ist der zentrale Punkt, der Kern des Kapitalismus: Damit wird ermöglicht, dass die Akkumulation zu einem Automatismus wird. An dieser Stelle aber ist eine Lösung, ein dritter Weg, möglich.

Abseits von Marx und dem Neoklassizimus, ganz zu schweigen vom Neoliberalismus, existieren einige andere Analysen, was das “real existierende Geld” im Kapitalismus anrichtet: Das Kapital ist flexibel, der Arbeitsmarkt ist es nicht. Diese Erkenntnis findet sich auch im Neoklassizismus, aber die Konsequenz daraus, die Flexibilität des Kapitals zu reduzieren, seinen ungerechten Vorteil gegenüber Arbeit und Waren aufzuheben, dieser Gedanke scheint tabu. Der ungerechte Vorteil besteht darin, dass Geld nicht nur Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel ist, sondern seinem Besitzer den sogenannten Liquiditätsvorteil verschafft. Das bedeutet, dass, anders als die Arbeitskraft, die gezwungen ist, sich anzubieten, will der “Eigentümer” derselben nicht verhungern, und Waren, die nur eine begrenzte Lebensdauer besitzen und Lagerkosten verursachen, das Geld eine “Jokerposition” auf dem Markt einnimmt. Unter anderem kann der Geldbesitzer warten, solange er will, bis er günstige Anlegekonditionen erreicht hat. Die Wirtschaft aber wird dadurch gezwungen, Zinsen und Renditen für das benötigte Kapital zu zahlen. Das Resultat ist ein Ungleichgewicht, in dem die Kapitaleigner Zinsen “erpressen” können und diese Kosten auf Arbeitskraft und Waren abgewälzt werden.

Proudhon schlug anstelle des Geldsystems ein Tauschbanksystem vor, in dem - ähnlich wie in den Tauschringen - Waren, Arbeit und Dienstleistungen ohne Geld getauscht werden. Silvio Gesell sah die Vorteile des Geldes als Tauschmittel, ohne das viele zivilisatorische Errungenschaften nicht mehr möglich wären, und schlug statt dessen vor, ein sogenanntes Schwundgeld einzuführen: Ähnlich wie bei der Brakteatenwährung im sogenannten goldenen Mittelalter sollte das Geld monatlich an Wert verlieren. Das wäre ein negativer Zins, der auch Umlaufsicherung genannt wird. Denn mit diesem ist es nicht mehr lukrativ, das Geld zu horten und zum selbstgewählten Zeitpunkt gewinnbringend zu investieren. Um eine Entwertung zu vermeiden, muss man das Geld ausgeben.

Einen ähnlichen Vorschlag hat Keynes bei der Gründung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank auf der Bretton-Woods-Konferenz 1944 mit seinem Konzept einer “Internationalen Clearing-Union” unterbreitet. Diese Institution sollte den internationalen Handel erleichtern und Verschuldungsproblemen vorbeugen. Keynes wollte als Verrechnungseinheit nicht ein nationales Geld wie heute den Dollar, sondern ein eigenständiges Zahlungsmittel einführen. In diesem Geldsystem sollten die Überziehungskredite wie üblich mit ein bis zwei Prozent verzinst, aber auch die Guthaben mit einer Abgabe in der gleichen Höhe belastet werden, ein negativer Zins. Keynes wollte, dass Handelsbilanzüberschüsse immer wieder ausgeglichen werden. Soweit Guthaben entstehen, sollten diese als billige Entwicklungskredite vergeben werden. Auf Druck der US-amerikanischen Großbanken wurde diese Vision aber nicht verwirklicht.

Seit Gesells und Keynes Zeiten aber gibt es keine Golddeckung des Geldes mehr und die Geldschöpfung ist nahezu komplett den privaten Großbanken überlassen worden. Dadurch befindet sich die ganze Welt in der Schuldenfalle.
Deutschland und auch fast alle übrigen Staaten gehören den Banken. Es ist Zeit, dass die Bevölkerung wieder die Macht über das Lebensblut, das Geld, zurückerhält.