Finanzkrise, Zinseszins und die Alternative dazu

06. August 2010

1. Die Finanzkrise 2008/2009

Die USA finanzieren sich seit Jahrzehnten über die Geldschöfpung durch Finanzprodukte und Kredite. Das Handelsbilanzdefizit ist enorm. Die US-Bürger sind hoch verschuldet. Im Jahr 2007 nun gab es eine Konfrontation der spekulativen Geldwelt mit der realen Wirtschaft: Durch den Preisverfall auf dem Immobilienmarkt konnten nun unabgesicherte Hypothekendarlehen nicht mehr bedient werden.

Die Darlehen können nicht zurückbezahlt werden. Da die Banken aber durch einen Weiterverkauf der Hypotheken, der Verbriefung von Schulden in einem Kettensystem mittels u.a. CDS, Derivaten und Futures die Darlehen bereits weiterverkauft hatten, taten sich ungeahnte Finanzlöcher auf.

„Zwar wechselten mit dem Zusammenbruch der Schuldner zigtausende Haeuser ihren Besitzer (die Banken eigneten sich somit zahllose Sachwerte an), doch der Preisverfall ist so dramatisch, dass anstelle von Assets auf der Aktivseite der amerikanischen Banken nun riesige Loecher klaffen.
Das Problem: Die Bank hat riesige Zahlungsverpflichtungen in ihren Passiva. Geldvermoegen auf der Passivseite sind ja nichts anderes als Schulden der Bank, fuer die sie Zinsen zahlen muss. Platzen die Assets auf der Aktivseite, wird nicht nur die Bilanz schief, da Aktiva immer gleich gross wie Passiva sein muessen.“

Finanzinstrumente: Der CDS (Credit Default Swap - Kreditausfallstausch)
„Kernpunkt ist die Spekulation auf Kreditausfaelle. Angenommen, ein Kaeufer erwirbt von einer Bank ein CDS, dem ein Kredit der Firma X unterlegt ist. Der Kaeufer leistet nun regelmaessige Zahlungen an die Bank (z.B. jaehrlich 0,5% des Nennbetrages des unterlegten Kredites), und wenn die Firma X den Schuldendienst nicht mehr leisten kann, erhaelt der Kaeufer eine Einmalzahlung in Hoehe des Nennbetrages des Kredites von der Bank, und der Kontrakt ist beendet. [...] Der Kaeufer kann jedoch, wie gesagt, CDS erwerben, ohne den Kredit der Firma X mitzukaufen. Dieser CDS-Kauf kann zu spekulativen Zwecken geschehen, um auf eine eventuelle Zahlungsunfaehigkeit der Firma X zu spekulieren – reich werden mit CDS durch Pleiten Anderer!“
(aus: Kurzbeschreibung der aktuellen Finanzkrise von Alexander Czerny )

2. Zinseszins und Instabilität des Systems

In den letzten Jahrzehnten sind die Finanzströme, also das vorhandene Geld, extrem gewachsen. Wir sehen heute eine riesige Finanzblase. Diese übersteigt den Wert aller vorhandenen Waren, Immobilien und Ressourcen, so dass man sagen kann, dass die Zukunft bereits verkauft ist. Weiterhin übersteigen die Finanzströme die Warenströme um das 600fache.
Woran liegt das?
Im Neobliberalimus wurden die Finanzmärklte dereguliert und sie erfanden zahlreiche Möglichkeiten, Geld zu schöpfen. Geld wird zunächst über Kreditvergaben geschöpft. Aber auch eine Steigung der Börsenkurse bedeutet die Schaffung von Geldwert, der dann ausbezahlt werden kann.
Der Hauptgrund liegt allerdings darin, dass Kapital Renditen erwirtschaften will oder mit Zinsen bedient. Da jedes Jahr auch auf die ausbezahlten Zinsen weitere Zinsen fällig werden, haben wir ein exponentiell wachsende Vermögen, durch den Zinseszinseffekt.

2.1 Wachstumsarten

In der Natur kommt kein exponentielles unbegrenztes Wachstum vor. Dort sehen wir nur das sogenannte logistische Wachstum, das zunächst exponentiell ansteigt und dann zunehmend einem konstanten Wert entgegenstrebt.
Der Zinseszins verursacht explosive Steigerung der Geldvermögen:

Zinseszinsformel:

mit Kn = Endkapital; K0 = Anfangskapital; p = Zinsfuß (Zinssatz in Prozent); n = Anzahl der geltenden Zeiträume/Jahre

jedes Jahr 2 % Wachstum bedeutet Verdoppelung der erzeugten Produkte innerhalb von 35 Jahren
1%. ca. alle 70 Jahre. 2%. ca. alle 35 Jahre. 3%. ca. alle 23 Jahre. 4%. ca. alle 18 Jahre

Schauen wir uns das Wachstum der Geldvermoegen in Deutschland genauer an:
Wir sehen, dass sich alle 7 bis 8 Jahre die Geldvermoegen verdoppeln. Es vergingen gut 37 Jahre nach der Waehrungsreform 1948, bis die erste Billion (in Euro ausgedrueckt) angewachsen war. Die zweite Billion war nach nur weiteren 8 Jahren erreicht, die Dritte nach weiteren 6 Jahren usw.

2.2 Krisenhaftigkeit dieses Geldes

Die exponentielle Steigerung der Geldvermögen, die sogenannte Akkumulation in den Händen weniger Kapitalbesitzer führt unweigerlich in Krisen hinein. Besonders attraktiv sind dabei Kriege, bei denen Kapital und Realwerte vernichtet werden und nachher wieder wachsen können.
Auch in Finanzkrisen werden meist die vorhandenen Vermögen reduziert, während allerdings einige auch diese zur Akkumulatrion nutzen. .

Abseits von Kriesen wird durch Niedrigzinspolitik die Steigerungsrate der Geldvermögen begrenzt. Auch die Inflation wirkt der exponentiellen Steigerung entgegen, entwertet aber gleichermaßen exponentiell das Geld.
Weiterhin lassen die neuen Finanzprodukte Spielraum für „Spielgeld“, d.h. für die Schöpfung von Vermögen.

Ob es wirklich zum Zusammenbruch in nächster Zeit kommt, ist unklar. Man sollte auch die neoliberalen Strategen nicht unterschätzen. Auf Dauer jedoch muss das Zinseszinssystem des Kapitalismus in die Krise führen.

3. Neoliberalismus

Der Neoliberalismus begleitet uns jetzt seit den 80er Jahren. Er stellt das Programm der Konservativen dar, eine möglichst wirtschaftsfreundliche Politik umzusetzen.
Das neoliberale Projekt besteht in der Praxis aus dem Rtückzug des Staats aus der Wirtschaft, insbesondere die Dreifaltigkeit aus Sparpolitik, Privatisierung und Deregulierung und Lohnsenkungen steht im Mittelpunkt.
Die Profitrate der Unternehmen soll erhöht werden und gemäß der Theorie vom „trickle down“ (herabtropfen) soll der erzeugte Wohlstand der Reichen auch den übrigen Teilen der Gesellschaft zugute kommen.
Die Inflation soll gering gehalten werden und die Märkte möglichst sich selbst überlassen werden, denn es herrscht der Glauben an die regulierende Macht der Märkte.

Mitsamt dem deregulierten Finanzmärkten stieg die Rate der Kapitalerzeuung enorm.

Schröders Deregulierung des Finanzmarktes:
Mit diesen Gesetzen wurde die Risikobegrenzung bei der Kreditvergabe für das Geldgewerbe de facto aufgegeben. Kredite und strukturierte Finanzprodukte müssen seither nicht mehr mit Eigenkapital unterlegt sein, sie werden in Zweckgesellschaften ausgelagert und nicht mehr in den Bilanzen der Banken ausgewiesen. Zusätzlich wurden die Zweckgesellschaften von der Gewerbesteuer befreit. FDP und Union haben diese von SPD und Grüne eingereichten Gesetze nachweislich der Plenarprotokolle des Bundestages ausdrücklich begrüßt.
(von Hauke Fürstenwerth aus Geld arbeitet nicht - wer bestimmt über Geld, Wirtschaft und Politik?, Shaker Media, Dezember 2007)

4. Geldschöpfung

4.1. Wie alle wissen, druckt die Europäische Zentralbank Bargeld und leiht es an die Banken aus.
Die Geldmenge, das ist die Menge an Bargeld, wird mit Argusaugen kontrolliert und es wird hier nicht wirklich viel neues Geld erzeugt.

4.2. Geld wird nämlich hauptsächlich von den (Privat-)Banken durch Kreditvergabe erzeugt.

Die Gesellschaft hat den Privatbanken das Recht auf die Geldschöpfung überlassen. Diese dürfen Geld aus dem Nichts schöpfen:
Die Privatbanken brauchen keine wirkliche Deckung für diese Kredite. D.h., das Geld dafür muss gar nicht da sein, sondern wird einfach „in den Computer eingegeben“.

Alexander Czerny: „Um die nachfragewirksame Geldmenge im realwirtschaftlichen Binnenmarkt zu erhalten, muss die Summe der jährlich vergebenen Neukredite nicht nur der Summe der jährlich fälligen Altkredite entsprechen. Sie muss sogar wesentlich höher sein, um darüber hinaus auch die zu leistenden Zinsen bedienen zu können.“

4.3 Geld wird aber auch an den Fianzmärkten Börsen erzeugt, durch steigende Kurse:
sowie durch die Schaffung neuer Finanzprodukte, die dazu nur an der Börse platziert werden müssen zwar müssen diese auch zunächst finanziert werden, d.h. bezahlt oder durch Kredite erworben, aber de facto wird durch steigende Kurse auch hier Geld erzeugt.

Der Dax stieg trotz wiederholter Krisen seit 1987 um 600%!
Weiterhin natürlich steigen die Vermögen durch den Anstieg von Immobilienpreisen und den Preisen von anderen Sachwerten und Rohstoffen. Da diese Wertsteigerungen in der Regel von den Banken verwaltet werden, sind sie mit der Geldschöpfung eng verknüpft.

4.4. Durch das Zinssystem wird laufend neues Geld erzeugt. Da Guthaben verzinst werden, steigt es und wiederum muss es zunächst keinen Gegenwert geben, sondern das Geld vermehrt sich von alleine, wie wir oben anhand des Zinseszinses gesehen haben. Gibt es kein Wachstum und keine Geldschöpfung, hätten innerhalb kuzrzer Zeit die Kapitaleigentümer alles Geldvermögen in ihrer Hand.

5. Geld ohne Zins bzw. mit Umlaufsicherung

Pierre Joseph Proudhon war einer der ersten, die erkannten, dass Geld anders als in den herrschenden Wirtschaftstheorien (auch im Marxismus) nicht ein neutrales Tauschmnittel ist, sondern eine Vormachtstellung einnimmt und den Waren und der Arbeit überlegen ist. Deshalb setzte er auf den Tauschhandel ohne Geld mittels sogenannter Warenbanken.
„In diesen Warenbanken könnte ein Fahrradeigentümer beispielsweise ein Fahrrad anlegen und nach 20 Jahren ein nagelneues Fahrrad zurückerhalten.“ (Wikipedia)

„Silvio Gesell schlug vor, dem Geld selbst eine begrenzte Lebensdauer zu geben, indem also bei der Hortung von Geld Kosten, eine Demurrage auftreten würde, ähnlich der Durchhaltekosten bei der Hortung von Waren.“ (Wiki)
Anders ausgedrückt handelt es sich bei diesem Vorschlag um Geld mit Umlaufsicherung, es gibt einen negativen Zins, d.h. ich leihe mir Geld und die Schuld wird mit der Zeit geringer. Oder ich habe Geld und wenn ich es nicht ausgebe, verliert dieses an Wert – ich muss es also ausgeben.

„John Maynard Keynes verfeinerte schließlich die Zinstheorie von Gesell und unterteilte Zins in Liquiditätsprämie und Risikobeitrag. Er argumentiert aber ähnlich wie Gesell, dass aufgrund der Liquiditätspräferenz Geld dadurch, dass es Liquidität in seiner reinsten Form darstelle, einen zusätzlichen quantifizierbaren Wert erhalte.

Im Konzept zu Bretton-Woods, welches die Wechselkurse westlicher Währungen vom Ende des 2. Weltkriegs bis zum Crash des Systems 1973 festlegte, schlug Keynes 1944 den Bancor vor, welcher als internationale zwischenstaatliche Verrechnungswährung mit einer Umlaufsicherung behaftet sein sollte.“ (Wikipedia)

Die sogenannte „International Clearing Union“ sollte Geld an Staaten verleihen, das auch mit negativem Zins behaftet sein sollte: Dadurch würden die Staaten nicht in die Schuldenfalle geraten, sondern es könnte der Aufbau der Infrastruktur usw. finanziert werden.

6 Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

Eine bessere Welt ist möglich und es gibt einen Ausweg aus dem unguten, unsozialen und krisenhaften Kapitalismus: Das ist die Marktwirtschaft ohne Kapitalismus, die ein Geld einführt, das den Waren und der Arbeit nicht überlegen ist.
Denn anders als im Marxismus sind Unternehmer keine Kapitalisten, sie leisten wertvolle Arbeit. Der wahre Kapitalist ist der, der für sein Geld Geld bekommt, also keine Arbeit leistet. Das Eigentum an Produktionsmitteln ist nicht ausschlaggebend, sondern das Eigentum an Geldvermögen und der Mangel an Geld in den Märkten bzw. die Akkumulation des Geldes in den Händen weniger.

John Maynard Keynes sah die Möglichkeit des Zustands der Vollinvestition ohne Arbeitslosigkeit.
Dazu Klaus Schmitt:
„Vollinvestition ist das Gegenstück zur Unter- und Überinvestition. (55) Sie
verkörpert die für die Befriedigung der Nachfrage der Konsumenten nach
Gütern und Dienstleistung ausreichende Bereitstellung von Produktions-
mitteln in der Wirtschaft: das makroökonomische Gleichgewicht zwi-
schen der Nachfrage nach Produkten und dem Angebot an Produktions-
mitteln.
Vollinvestition bedeutet, daß weder das Realkapital durch den
Geldzins künstlich verknappt wird (was Unterinvestition bedeutet), noch
daß über den Verbraucherbedarf hinausgehende Investitionen zum
Zweck der Zinseszinsakkumulation getätigt werden (Überinvestition).

Vollinvestition ist der Zustand des wirtschaftlichen Gleichgewichts bei
Vollbeschäftigung und Null-Zins. Über Produktion und Neuinvestitionen
(was Wirtschaftswachstum bedeutet) entscheiden dann die Besitzer ihres
“vollen Arbeitsertrages” (56) und nicht die Besitzer akkumulierter Zinsen.

Mit Vollinvestition ist jener Zustand erreicht, den, wie Keynes, auch
Proudhon und Gesell anstrebten und den Keynes so beschreibt: “Ich bin
überzeugt, daß die Nachfrage nach Kapital streng begrenzt ist, in dem Sin-
ne, daß es nicht schwierig wäre, den Bestand an Kapital bis auf einen Punkt
zu vermehren, auf dem seine Grenzleistungsfähigkeit auf einem sehr
niedrigen Stand gefallen wäre.“
der Ertrag aus Kapitalgütern würde nicht viel
mehr sein als der Verlust aus Wertverminderung und Veraltung, zu-
sammen mit einer gewissen Spanne für das Risiko und die Ausübung von
Geschicklichkeit und Urteilsvermögen. Kurz ge-
sagt, der Gesamtertrag würde gerade ihre Ar-
beitskosten der Erzeugung plus einer Entschädigung für Risiko und die
Kosten der Geschicklichkeit und Aufsicht decken.“
„Obschon dieser Zustand nun sehr wohl mit einem gewissen Maß von In-
dividualismus vereinbar wäre, würde er doch den sanften Tod des Rent-
ners bedeuten, und folglich den sanften Tod der sich steigernden Unter-
drückungsmacht des Kapitalisten, den Knappheitswert des Kapitals aus-
zubeuten.“

Klaus Schmidt (Hg.),
Silvio Gesell – »Marx« der Anarchisten?,
Karin Kramer Verlag, Berlin 1989
56: Silvio Gesell, Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld, S. 40f

John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des
Geldes (Allg. Theorie), Dunker & Humbolt, Berlin 1955
55: Allg. Theorie, S. 271ff.

Weiterer Literaturhinweis:
Irving Fisher, Mastering the Crisis - With Additional Chapters on Stamp Scrip, Ge-
org Allen & Unwin LTD, London 1934