Freigeld statt Finanzkrise

16. November 2009

Erinnerung an eine
Selbsthilfeaktion gegen
Arbeitslosigkeit

1932 führte die kleine Tiroler Landgemeinde Wörgl eine eigene Währung ein. Dieses Kuriosum wurde initiiert von ihrem sozialdemokratischen Bürgermeister Michael Unterguggenberger. Er hielt nichts von Marx, wohl aber viel von dem ,,obskuren” Geldanarchisten Silvio Gesell. Er war der Überzeugung, daß nur mit dem ,,Schwundgeld« dieses ehemaligen Volksbeauftragten der Münchner Räterepublik die hohe Arbeitslosigkeit in Wörgl zu überwinden war.

Die große Krise

Damals herrschte die große Weltwirtschaftskrise, ausgelöst durch den Börsenkrach in der Wall Street an jenem berüchtigten ,,Schwarzen Freitag” im Oktober 1929. Die US-Banken kündigten flugs ihre Auslandskredite, was vor allem die deutsche und österreichische Wirtschaft in große Schwierigkeiten brachte. Das Geld wurde knapp, die Preise und Gewinne fielen, und wegen des zunehmenden Geschäftsrisikos stiegen die Zinsen. Das machte es für die Unternehmer unwirtschaftlich, Geld zu leihen, was die Nachfrage nach Investitionsgütern reduzierte und den Geldmangel verschärfte. Für die großen Geldbesitzer hingegen war es vorteilhaft, das deflationistische Geld zu horten, um von seiner wachsenden Kaufkraft zu profitieren. Es stand immer weniger Geld als Nachfragemittel zur Verfügung und trotz großen Bedarfs konnten immer weniger Waren abgesetzt werden. Die Produktion wurde eingeschränkt, viele Unternehmen machten Verluste und gingen pleite, Arbeiter wurden entlassen.

Auch in der 4216-Seelen-Gemeinde Wörgl waren fast 400 Menschen arbeitslos. Und wie heute blieben auch damals die Regierungen und Zentralbanken untätig. Also griff die Gemeinde von Wörgl zur Selbsthilfe. Einstimmig beschloß der Gemeinderat, dem Geldmangel durch ein eigenes Geld abzuhelfen. Er ließ eigene Zahlungsmittel im Gesamtwert von 32 000 Schillinge drucken. Die “Arbeitsbestätigungen”. Zur Sicherheit hinterlegte die Gemeinde die gleiche Summe in Notenbankgeld bei der örtlichen Raiffeisenkasse. Um ihr eigenes Geld in Umlauf zu bringen, bezahlte sie die Löhne ihrer Gemeindearbeiter mit diesen Arbeitswertscheinen. Mit den Wörgler Geschäftsleuten war vereinbart worden, daß sie sie als Zahlungsmittel annehmen und gegen einen geringen Abschlag gegen Schillinge eintauschen können. Dieses Gemeindegeld kompensierte den durch die Deflationskrise bedingten Mangel an Staatsgeld. Die Geschäftsleute konnten wieder mehr verkaufen, Gewinne machen und mit den Arbeitsbestätigungen ihre Steuerschulden bei der Gemeinde begleichen. Die Gemeinde hatte wieder Einnahmen, um ihre eigenen Schulden und öffentlichen Arbeiten bezahlen zu können. Sie ließ die heruntergekommenen Straßen von Wörgl instandsetzen, die Straßenbeleuchtung modernisieren, eine Brücke, eine Skisprungschanze, ein Waschhaus und Kanalisationen bauen, das Rathaus renovieren, die Notstandsküche vergrößern usw.

Bald wurde dieses staatsfreie Geld nicht nur von allen Bürgerinnen und Bürgern Wörgls, sondern auch von den Menschen in den umliegenden Gemeinden als Tauschmittel akzeptiert. Das Geschäftsleben blühte auf, und während die Arbeitslosenzahl im gesamten Osterreich in dem einen Jahr dieses Geldexperiments - von August 1932 bis August 1933 - um fast 10% stieg, fiel sie in Wörgl um 25%!

Viele Journalisten der in- und ausländischen Presse - z.B. Alex von Muralt von ,,Ständisches Leben” und Claude Bourdet von der Pariser ,,L’Illustration« - berichteten über das ,,Wunder von Wörgl”. Es kamen Anfragen aus USA und England, aus der Schweiz und Türkei, von Zionisten aus Palästina und Wörgl wurde zum ,,Wallfahrtsort” selbstorganisierter Konjunkturpolitik. Aus aller Welt kamen Menschen, um diese Bürgerinitiative selbst in Augenschein zu nehmen, unter anderem der ehemalige französische Ministerpräsident Daladier. Er hatte 1923 die Sowjetunion besucht und die dortige Planwirtschaft verworfen. Ganz anders sprach er über das Wörgler Geldsystem. Er wollte es in seiner Heimatstadt einführen, “wenn sie einer solch schrecklichen Krise wie in Wörgel preisgegeben sein sollte”, erklärte er auf dem Kongreß der Radikalsozialisten am 15. 4. 1935.

Wie funktionierte das “Freigeld”?

Daß dieses Experiment überhaupt funktionierten und die Arbeitswertscheine nicht ebenfalls in Horten verschwanden, lag an einem kleinen technischen Trick: sie wurden mit einer Hortungsstrafgebühr belastet. Die Inhaber der Scheine mußten diese monatlich mit einer Gebührenmarke bekleben, die sie im Gemeindeamt und bei den örtlichen Sparkassen kaufen konnten. Wenn ein Schein nicht regelmäßig mit einer Marke im Wert von einem Hundertstel seines Nennwertes beklebt wurde, verlor er monatlich 1 bzw. jährlich 12 Prozent seines Wertes. Während also der Schilling im Laufe der Zeit durch den allgemeinen Preissverfall an Kaufkraft gewann, verlor der Arbeitswertschein an Kaufkraft, wenn er nicht mit den Gebührenmarken versehen wurde. Der Kauf der Marken wiederum stabilisierte zwar die Kaufkraft des Scheines in Höhe seines Nennwertes, belastete jedoch seinen Besitzer mit dem Kaufpreis der Marken. Der Erlös floß in die Armenkasse.

Diese “Durchhaltekosten” (J. M. Keynes) für die “Kassenhaltung” der Arbeitswertscheine bewirkten das Gegenteil von dem, wozu das deflationistische Zentrallbankgeld anregte. Während reiche Währungsspekulanten geneigt waren, deflationistisches Geld gewinnbringend zu horten, war der Besitzer der mit einem “Schwund” (Gesell) belasteten Arbeitsbestätigungen daran interesssiert, die baldmöglichts loszuwerden. Er konnte unverzüglich etwas für die kaufen oder sie anderen leihen, was langfristig den Kreditzins drücken und die Investitionstätigkeit anregen würde, oder er konnte mit ihnen seine Steuerschulden bei der Gemeinde begleichen.

Hinter dieser Methode steht ein für Marxisten unbegreiflicher, aber bereits von Marxens Erzfeind P. J. Proudhon entdeckter Zusammenhang: Wenn plötzlich größere Geldmengen der Zirkulation entzogen werden, bleiben gleichzeitig entsprechenden Mengen an Produkten liegen. Das führt, wie 1929, zu einer allgemeinen Konjunkturkrise. Wird jedoch das verdiente Geld umgehend wieder ausgegeben, für den Konsum oder zu Investitionszwecken, dann werden alle produzierten Güter auch umgehend wieder abgesetzt. Der wirtschaftskreislauf bleibt geschlossen, Konjunkturkrisen und Arbeitslosigkeit sind ausgeschlossen.

Das “Geld unter Umlaufzwang” macht Schule

Auch das Nachbardorf Kitzbühl führte Schwundgeld ein. Dasselbe beschlossen auch die Tiroler Gemeinden Hopfengarten-Markt und –Land, Brixen und Westendorf mit zusammen 16.000 Menschen. Sogar in den USA gab es eine Reihe Schwundgeld-Experimente, und vor dem Wörgler Geldexperiment wurde bereits ein erfolgreicher Versuch in Schwanenkirchen im Bayerischen Wald unternommen. Dort wurde mit einem Schwundgeldkredit von der 1929 gegründeten “Wäre”-Tauschgesellschaft ein stillgelegtes Bergwerk wieder in Betrieb genommen. Auch dort versuchten andere Gemeinen diesem Beispiel zu folgen.

Nachzügler, bereits zur Zeit unseres inflationistischen Geldes, gab es in zwei französischen Gemeinden, 1956 – 58 in Linieres-en-Berry und 1958 in Marans und 1959/60 in Brasilien, in der damals 600 000 Einwohner zählenden Hauptstadt der Provinz Rio Grande de Sul, Porta Alegre.

Außer in USA, wo zu hohe Umlaufgebühren verlangt worden waren, und in Marans, wo den Bauern, Arbeitern, Angestellten, Rentnern und Sozialhilfeempfängern die Gebühren erlassen worden waren, waren diese Versuche erfolgreich. Wie es in Porto Alegre weiterging, konnte ich nicht erfahren. In Deutschland und Österreich wurden die Schwundgeld-Experimente auf Druck der Zentralbanken von den “demokratischen” Regierungen, in Frankreich von de Gaulle, verboten.

In der Schweiz existiert immer noch eine Tauschbank, die noch lange Zeit mit einem Geld mit Durchhaltekosten arbeitete, die WIR-Wirtschaftsring-Genossenschaft. Dieser Barterclub hatte 1991 einem Umsatz von 2 Mrd. Franken, eine Wachstumsrate von 14,5% und vergibt Baukredite zum Zinssatz von 1,75%.

Der Nobelpreisträger für Ökonomie, F. A. Hayek, fordert, daß den Bürgern erlaubt wird, ihre eigenen autonomen Geldsysteme einzurichten. Dieses “Freigeld” solle als preisstabilisierende und zinsdrückende Konkurrenz zum Zentralbankgeld, das bei Erscheinen dieses Artikels 1992 mit einer Inflationsrate von über 4% und einem kreditzinstreibendem Diskontzins von 8,5% belastet war, fungieren.

Doch wer soll das Monopol der staatlichen Notenbank brechen…

Radi K. Linsky

Dieser hier leicht gekürzte, korrigierte und aktualisierte Bericht stammt aus die andere 31 / 1992 und wurde im Oktober 1992 in der Contraste abgedruckt.

Eine ähnliche Synthese von Proudhonscher Tauschbank und Gesellschem Schwundgeld hat J. M. Keynes bei der Gründung der IWF und Weltbank auf der Bretton Woods-Konferenz 1944 mit seinem Konzept einer “Internationalen Clearing-Union” vorgeschlagen. Er wollte eine Verrechnungsstelle einrichten, die den internationalen Handel erleichtern und Verschuldungsproblemen vorbeugen sollte. Dafür hätten alle Mitgliedsstaaten eine bestimmte Summe in einen Fond einzahlen müssen, aus dem die Transaktionen und Kreditebezahlt werden sollten. Als Verrechnungeinheit sollte nicht ein nationales, Zins erpressendes Geld wie heute der Dollar, sondern ein eigenständiges Zahlungsmittel dienen: der Bancor. In Keynes System wären jedoch nicht nur die Überziehungskredite mit 1 bis 2% Zins, sondern auch die Gurhabenmit einer Abgabe belastet worden: mit einem negativen Zins von 1 bis 2%! Dadurch sollten die reichen Länder veranlaßt werden, ihre Handelsbilanzüberschüsse immer wieder auszugleichen. Soweit bei ihnen Guthaben entstehen, sollten diese nicht gehortet, sondern als billige Entwicklungskredite vergeben werden. Obwohl die britische Regierung diesem Konzept zustimmte, wurde es auf Druck der US-amerikanischen Großbanken nicht verwirklicht. Angesichts der weltweiten Konjunkturkrise und der horrenden Zinsbelastungen der Dritten Welt dürfte dieses Konzept eines Geldes mit “negativem Zins” gerade heute wieder aktuell sein.