Karl Marx und das Geldsystem

19. November 2016

Der Marxismus
Die sozialistische Theorie und Praxis als erklärtes Gegenstück zum Ka­pi­talismus verdient eine eigenständige Betrachtung. Karl Marx, der heut­zu­tage keine gute Presse mehr hat, hat trotz des Untergangs des So­zia­lis­mus mit seiner Theorie zum Kapitalismus immer noch den größten Ein­fluss auf das linke Denken. Der Sozialismus als Alternative und der Kom­munismus als utopischer Endzustand erscheinen auch heute noch vielen als der richtige Weg.

Blicken wir zunächst auf Marx’ Ausführungen zum Kapitalismus. Marx geht wie David Ricardo davon aus, dass allein menschliche Arbeit Werte schafft. In der kapitalistischen Welt wird alles zur Ware. Waren die­nen im Kapitalismus ausschließlich dazu, Profite zu erzielen. Auch Arbeitskraft wird zur Ware, und der erzielbare Lohn für die Arbeit ist ihr Tauschwert. Der Wert der Gütermenge, die mittels dieser Arbeitskraft her­gestellt wird, ist der Gebrauchswert der Arbeit. Die Differenz zwi­schen Tausch- und Gebrauchswert verbleibt beim Kapitalisten und ist der Mehr­­wert. Für den Kapitalisten ist es unverzichtbar, zu versuchen, den Mehr­wert zu steigern. Nur dadurch kann er sich gegen seine Kon­kur­­renten durchsetzen.

Die Arbeiterklasse entsteht dadurch, dass die Bauern von ihrem Bo­den vertrieben werden, also aus Enteignung. Diese enteignete Klasse hat nur noch ihre Arbeitskraft anzubieten.

Der Gesamtaufwand für Arbeitskraft, Maschinen und Rohstoffe im Verhältnis zum verbleibenden Gewinn ist die Profitrate. Da Maschinen und Rohstoffe auch mittels Arbeitskraft erzeugt und im Falle der Roh­stof­fe zumindest verfügbar gemacht werden, ist dieser Gesamt­auf­wand theo­retisch äquivalent zum Tauschwert der Arbeit.

Im Kapitalismus kann sich auf Dauer nur der Produzent behaupten, der die höchsten Profitraten hat. Im Konkurrenzkampf wird nur der überleben, der die besten Preise anbieten kann. Das geht nur mittels Massenproduktion und Produktivitätsfortschritten. So verdrängen die größeren Produzenten die kleineren.

Mittels neuer Verfahren und größerer Spezialisierung wird in immer kürzerer Zeit immer mehr produziert. Dabei wird dem Arbeiter aber zunehmend das Produkt seiner Arbeit fremd, gleichzeitig entsteht durch den technischen Fortschritt ein Heer von Arbeitslosen, die auf dem Ar­beitsmarkt die Löhne drücken.

Daraus ergeben sich zyklische Krisen des Kapitalismus. Denn die Kaufkraft sinkt mit den Löhnen, die Produktion übersteigt die Nach­fra­ge, die Preise sinken und Betriebe gehen bankrott. Gleichzeitig kon­zen­triert sich das Kapital bei den Kapitalisten. Marx glaubte, dass die Krisen in immer kürzeren Abständen eintreffen würden und schließlich der Ka­pi­talismus in eine finale Krise geriete, weil das Kapital letztlich mo­no­po­lis­tisch verteilt ist.

Und Marx sah die Globalisierung voraus. Der kontinuierliche Akku­mu­lationsprozess des Kapitals würde dazu führen, dass das Kapital zunehmend global agieren werde. Gleichzeitig und die Entwicklung ver­stärkend würde der Produktivitätsfortschritt eine zunehmende Zahl von Ar­beits­losen schaffen. Fusionen würden fortschreiten und die Kon­zen­tra­tion der wirtschaftlichen Macht immer größer werden.

Es ist vielleicht eine Ironie der Geschichte, dass gleichzeitig mit dem Untergang des Sozialismus die Voraussagen von Karl Marx eine größere Aktualität gewonnen haben. Der seit den 80er Jahren vorherrschende Neoliberalismus scheint nun doch das zu bewirken, was Marx voraussah: den Zusammenbruch des Kapitalismus.

Marx’ Intention war vor allem politisch: Die klassenlose Gesellschaft war seine Utopie. Er hat jedoch nie eine Fabrik von innen gesehen. Sei­ner Theorie zufolge ist der Kommunismus die Negation des Kapi­ta­lis­mus und eine notwendige Folge davon. Diese Denkfigur scheint uns gleich­wohl zu sehr abstrahiert.

Seiner in vielen Punkten richtigen Theorie wird vor allem entge­gen­gehalten, dass seine Prognosen (noch) nicht eingetroffen sind und dass die sozialistischen Staaten nicht trotz, sondern wegen seiner Theorie untergegangen sind. Was aber festzuhalten ist, ist, dass seine Analyse des Kapitalismus als Ausbeutungsstruktur große Aktualität und Relevanz besitzt.

Auf zwei Ebenen sollte nun darauf eingegangen werden, inwieweit der Sozialismus noch immer eine Alternative sein könnte. Sind die theo­re­tischen Grundlagen, die seit Marx um nicht sehr viel neue Elemente be­reichert wurden, ausreichend für den Aufbau einer klassenlosen Ge­sell­schaft? Warum scheiterte die praktische Umsetzung dieser Theo­rien im so genannten real-existierenden und nun untergegangenen So­zial­is­mus des Ostblocks?

Im Hinblick auf den ersteren Problemkreis möchten wir noch einmal auf die schon vorweggenommene Geldtheorie zurückkommen. Ein fun­da­­­men­taler Fehler von Marx war es, die Pro­duk­ti­ons­mit­tel­ei­gen­tü­mer, al­so die Unternehmer als Urheber der Ausbeutung zu betrachten. In Wirk­lichkeit sind es die Kapitaleigner, die das Unverhältnis in der Wirt­schaft verursachen. Denn sie kassieren Einkommen, ohne Leis­tun­gen dafür zu erbringen. Damit zusammen hängt die Abschaffung des Mark­tes im Sozialismus. Die schwerste Kritik des bürgerlichen Lagers am Marxismus – und in unseren Augen eine richtige – ist, dass ohne Markt eine Wirtschaft nicht funktionieren kann. Diese Kritik werden wir weiter unten wieder aufgreifen.

Im Hinblick auf die Praxis sollten die speziellen historischen und po­li­tischen Gegebenheiten in dem ersten revolutionären Staat hervor­ge­ho­ben werden. Die Sowjetunion war 1917 ein Land an der Schwelle zur Industrialisierung, mit einem hohen Anteil an Agrarwirtschaft, zu weiten Tei­len also noch mitten im Feudalzeitalter, mit keinerlei demokrati­schen Strukturen. Unter diesen Bedingungen war es eine Un­mög­lich­keit, eine nicht-hierarchische und nicht-autoritäre Gesell­schaft zu grün­den.

Die Notwendigkeit der Arbeitsteilung, des Taylorismus, in einer weitgehend vorindustriellen wie auch industriellen Gesellschaft, ist da­her bestimmend gewesen. Wie aber soll in einer strikt hierarchisch or­ga­ni­sierten Wirtschaft eine nicht-hierarchische Gesellschaft entstehen, wie Ulrich Weiss sehr schön darlegt.[1]

Viele Menschen bezeichnen sich heute noch als Marxisten. Marx ist zu­nächst einmal derjenige, der wie kein anderer die wahren Aus­beu­tungs- und Machtstrukturen des Kapitalismus darlegte.

Der Gefahr des hegelianischen Denkens ist Marx dennoch nicht ent­kommen. Sein Blick blieb in der Dialektik befangen und ließ das un­de­fi­nierbare, sich aber stets kreativ entfaltende Leben außer Acht. Marx’ Ver­such einer Kritik des Kapitalismus wuchs zu einem Gesell­schafts­ent­wurf, ja, einem eigenen philosophischen System, das darauf beharrte, die Wirk­lichkeit richtig abzubilden. Die Wirklichkeit des Kapi­ta­lis­mus ist aber naturgemäß nicht vollständig durch das Marx’sche System be­schrie­ben. These und Antithese, in der Synthese etwas Neues ge­bä­rend – eine Denkfigur fördert die Theorie, sollte aber letztlich nicht alles un­­ter sich begraben.

In diesem Zusammenhang sollte man auf die Kritiker zu Marx’ Zeiten verweisen. Abseits der bürgerlichen Kritiker finden wir bei den Anar­chis­ten wichtige Elemente für das Verständnis des Scheiterns des So­zia­lis­mus.

P. J. Proudhon etwa wies bereits früh darauf hin, dass das Vorhaben, die Märkte abzuschaffen, katastrophale Folgen haben werde. Und wir ha­ben schon weiter oben gesehen, dass die heutigen Märkte keinesfalls – ent­gegen der in den Medien propagierten Ansicht – freie Märkte sind. Die konzentrierte Wirtschaftsmacht, die durch die Kapitalakkumulation ent­steht, verhindert freie Märkte.

Der Grund dafür ist das Phänomen des Mehrwerts oder der Ver­tei­lung der Früchte der Arbeit. Nach Marx entsteht Mehrwert aus­schließ­lich in der Produktion. Doch auch vor der kapitalistischen Pro­duk­tions­weise gab es Ungleichheit und Ausbeutung.

Eine erweiterte Definition des Mehrwerts ist folgende: Mehrwert ist das­jenige Einkommen, das durch Privilegien entsteht und anstelle des ein­fachen Tausches tritt, wenn jemand gezwungen wird, seine Arbeit oder sein Produkt unter Wert zu verkaufen. So ist Mehrwert aus­schließ­lich mit arbeitsfreiem Einkommen gleichzusetzen. Dieses entsteht aber zu­­nächst einmal aus unserem Geldsystem. Geld hat einen Vorteil ge­gen­über Waren und Arbeit. Während Waren Lagerkosten verursachen und der Produzent gezwungen ist, sie auf den Markt zu bringen, ebenso wie auch der Arbeitnehmer seine Arbeitskraft anbietet, weil er einen Ver­dienst erzielen muss, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, ist der An­bieter von Geld in einer ganz anderen Lage. Er kann warten, bis sich ihm eine Möglichkeit bietet, den größten Nutzen aus seinem Geld zu zie­hen. Geld verursacht keine Lagerkosten, es muss nicht auf den Markt ge­bracht werden. Die restlichen Marktteilnehmer allerdings sind darauf an­gewiesen, Geld zu bekommen, um produzieren zu können. So ver­ursacht Geld ein Ungleichgewicht in der Zirkulationssphäre. Es erfüllt se­ine Funktion als Tauschäquivalent nur unvollkommen.

So kann der Geldkapitalist ohne Leistung einen enormen Mehrwert für sich einstreichen. Die Konsequenz für den Wirtschaftskreislauf ist die, dass einerseits alle anderen Teilnehmer an den Wirt­schafts­kreis­läu­fen diesen Mehrwert abführen müssen. Alle konkreten Leistungen wer­den natürlich teurer, wenn die Kosten für das Arbeitskapital ständig ab­zu­führen sind. Auch in allen Produktpreisen sind diese Zinskosten natürlich enthalten.

Andererseits ist dadurch stetiges Wachstum absolut notwendig. Denn ohne Wachstum ist es nur mit Umverteilung möglich, die Kapitalzinsen zu bedienen. Das ist allein mathematisch offensichtlich. Aber auch mit dem geringen Wachstum, das wir in den Industriestaaten verzeichnen, sind enorme Probleme verbunden, und zudem findet eine stetige Um­ver­teilung statt. Außerdem werden die Dritte-Welt-Staaten zu­neh­mend ausgebeutet; ihre Schuldenlast stieg seit Beginn des Neo­li­be­ra­lis­mus um ein Vielfaches.

Auch Marx sieht in seinen theoretischen Arbeiten zum Geld und zum Zins dieses Problem. Wir folgen hier Dieter Suhr in seinen Aus­füh­run­gen in seinem Buch »Der Kapitalismus als monetäres Syn­drom«. Suhr fragt, ob »es wirklich [genügt], das Eigentum an den Produktionsmitteln zu vergesellschaften, um den Kapitalismus zu beseitigen«.[2] Marx selbst schreibt dazu: »Nun existiert aber historisch das zinstragende Kapital als eine fertige überlieferte Form und daher der Zins als fertige Unterform des vom Kapital erzeugten Mehrwerts, lange bevor die kapitalistische Pro­duktionsweise und die ihr entsprechenden Vorstellungen von Kapi­tal und Profit existierten.«[3]

»Geldkapital«, so schreibt Suhr, »hat also seinen Mehrwert immer schon erzeugt, bevor Kapital und Arbeit getrennt waren in der Art, wie Marx es für das industrielle Zeitalter beschreibt. Und Geldkapital erzeugt seinen Mehrwert nach wie vor auch dann, wenn damit gar nicht produk­tiv ge­ar­beitet wird, sondern etwa bloß Schulden getilgt oder Konsumgü­ter fi­nan­ziert werden. So ist das Geldkapital ein ›für den Verleiher in der Tat vom Prozess des Kapitals unabhängiges Kapital‹. In diesem Fall ist der Zins ein ›von der kapitalistischen Produktion – der Erzeugung des Mehr­wer­tes – als solcher unabhängiger fact‹«.[4]

Auch aus dem Besitz an Boden wird Mehrwert geschöpft. Außerdem – und das ist ausschlaggebend – erzielt Geld einen Mehrwert, den Geld­zins. Dieser entsteht dadurch, dass das Geld die Kommunikation im Wirt­schaftskreislauf bestimmt, frei nach dem Motto: Wer kein Geld hat, hat keine Stimme. Die Produzenten sind zum Beispiel darauf an­ge­wie­sen, dass der Kapitalist (also der Eigentümer von Geld) ihnen etwas vor­schießt, nämlich die Arbeitsgeräte und -materialien, bevor sie beginnen kön­nen, zu produzieren. Sie müssen nun sogleich Mehrwert abführen, eben in der Form von Zins.

Ganz richtig stellt Marx auch damit fest, dass die »fungierenden in­dus­triellen Kapitalisten« im Gegensatz zu den »Geldkapitalisten« (die eig­ent­lichen Kapitalisten) gar nicht teilhabig an der Abschöpfung von Mehrwert sind: »Der Teil des Mehrwertes, den der fungierende indus­tri­el­le Kapitalist einstreicht, erscheint gar nicht mehr als bloßer Mehr­wert, son­dern als Arbeitslohn, mithin als das ›Gegenteil‹ von Mehrwert, näm­lich als ›Äquivalent für vollbrachte Arbeit‹.«[5]

Der Unternehmer, der eine Firma gründet, ist eigentlich kein Kapi­ta­list; der Kapitalist ist der, der Kapital gegen die Liquiditätsver­zichts­­prä­mie verleiht und somit arbeitsfreies Einkommen erhält.

»Offenbar hat der Geldkapitalist nicht nur die Macht, von pro­du­zie­ren­­den Schuldnern (von ›fungierenden Kapitalisten‹) Zinsen zu ver­lan­gen, sondern auch von Schuldnern, die das Geld schlicht und ein­fach da­zu brauchen, um damit wofür auch immer zu zahlen. Das wie­derum deutet daraufhin, dass der Zins nichts oder nur sehr wenig und indirekt mit den produktiven Eigenschaften von Sachkapital zu tun hat, sehr viel aber mit der Eignung des Geldes zu Zwecken des Zahlens und Tau­schens.«[6]

Woher stammt nun diese Macht des Geldes? Sie liegt darin, dass Geld die Kommunikation im wirtschaftlichen Geschehen dominiert. Pro­du­zen­ten wollen etwas anbieten und verkaufen, und Konsumenten haben Bedarf, beide kommen aber nur mittels des Geldes zueinander.

Auch Marx hat dies gesehen: »Die Trennung von Verkauf und Kauf macht mit dem eigentlichen Handel eine Masse Scheintransaktionen vor dem definitiven Austausch zwischen Warenproduzenten und Wa­ren­­kon­sumenten möglich.« Die unglaublich reichen Banken etwa, die – in der Regel unabhängig davon, ob die Wirtschaft floriert oder in ei­ner Re­zes­sion befangen ist –, enorme Profite einstreichen, leben fast aus­schließ­­lich von diesen völlig unproduktiven Scheintransaktionen. Das Ein­kom­men aus Zins oder seinen Äquivalenten sind dabei die »Früchte der Arbeit«.

Marx fährt fort: Die Angewiesenheit auf Geld in der wirtschaftlichen Kommunikation »befähigt so eine Masse Parasiten, sich in den Produk­tions­prozess einzudrängen und die Scheidung auszubeuten.«[7]

Dazu kommentiert Suhr: »Die Parasiten drängen sich dann freilich gar nicht in den Produktionsprozess ein, sondern in den durch das Geld veränderten Austauschprozess. Und die ›Scheidung‹ betrifft alle Tausch­partner in ihren neuen Rollen als Verkäufer und Käufer, nicht nur Eigen­tümer (an Produktionsmitteln) und Arbeiter (als Verkäufer ihrer Arbeits­kraft).«[8]

Suhr zufolge sieht Marx diesen Unterschied nicht deutlich genug. Marx ist geblendet durch seine hegelianische Dialektik, wie im fol­gen­den Zitat deutlich wird: »Dies heißt aber wiederum nur, dass mit dem Geld als der allgemeinen Form der bürgerlichen Arbeit die Möglichkeit der Ent­wick­lung ihrer Widersprüche gegeben ist.«[9] Dazu kann man nur sagen, dass – wenn etwas nicht passt – es zweifellos einer Entwicklung von Wi­der­sprü­chen unterliegt. Marx beharrt in seiner Theorie trotz ge­gen­teiliger An­sichten und richtiger Ansätze darauf, dass das Phä­no­men des Mehr­werts mit dem industriellen Produktionsprozess verknüpft ist.

Marx’ Fixierung auf die Produktionssphäre ist falsch. Die Ver­ge­sell­schaftung von Produktionsmitteln ist keineswegs eine sinnvolle Lö­sung. Die allgegenwärtigen Probleme mit Bürokratien und dem schlechten Service von öffentlichen Diensten nahm ja gerade im So­zi­alismus epi­demische Formen an. Die wahren Probleme setzen frü­her ein, sie sind das Zinsproblem und das damit verknüpfte Mehr­wert­syndrom.

So kann man den Kapitalismus, anders als im Sozialismus an­ge­nom­men, nicht mit der Marktwirtschaft gleichsetzen. Die Märkte funk­tio­nie­ren innerhalb der Rahmenbedingungen, die von den staatlichen Re­gu­lie­rungen und vor allem dem monetären System erzeugt werden (aber nicht so, wie das auch in neoliberalen Theorien angenommen wird). Sie sind keine freien Märkte, sondern werden durch Mechanismen beherr­scht, die aus den Vorteilen von Geld gegenüber Produkten und Arbeit her­rühren.

Auf den Finanzmärkten hat sich mittlerweile die Erzeugung von Mehrwert von der Produktion von Gütern in gewisser Weise abgenabelt. Hier wird durch Spekulation, durch steigende Boden- und Aktienpreise, durch die Schaffung von fiktiven Werten Geld verdient. Die Ab­kop­pelung der Finanzmärkte von der Produktion aber destablisiert die Warenmärkte. In diesen spekulativen Märkten sind die Preise höchst in­sta­bil, was den Produzenten enorme Probleme bereitet, man denke nur an Planungssicherheit oder an Preise, die unter die Kosten fallen.

Schließlich greift natürlich auch das Geld, das auf den Finanzmärkten erzeugt wurde, in den Wirtschaftskreislauf ein und bewirkt hier eine stei­gende Belastung. Dies ist das »Mehrwertsyndrom«, wie wir es in An­lehnung an Dieter Suhr nennen wollen.

Das Geld, das so angehäuft wird, führt nicht zur Nachfrage nach Wa­ren, Diensten oder Investitionsgütern, sondern nur zur Nachfrage nach weiteren Renditen und Zinseinkünften. Dieses Geld hat keinen Bedarf. So ist dem Wirtschaftskreislauf dieses Geld entzogen. Der enor­me Be­darf, den es eigentlich gibt, im Aufbau der Infrastruktur, im Um­welt­schutz, bei der breiten Schicht der Bevölkerung, hat aber seinerseits kei­ne Möglichkeit, zur Nachfrage zu werden.

Wenn das Geld aber schließlich trotzdem in die Kassen derer trans­feriert wird, die Bedarf haben, dann nur gegen die Erfüllung der Nach­frage nach Zinseinkünften. Es werden Kredite gewährt. Diese be­las­ten aber den Letztverbraucher oder den Unternehmer, der investieren möch­te, weiterhin. Bevor der Unternehmer wirkliche Leis­tung bezahlen kann, muss er erst das arbeitsfreie Einkommen des Geld­ka­pitalisten stellen. Alle Waren und Dienstleistungen werden auf diese Weise teurer.

So wird in unserer Marktwirtschaft die »reale Wirtschaft« stets durch den »monetären Bereich« belastet. Letztverbraucher und Un­ter­nehmer sub­ventionieren die Kapitaleigentümer in unserer Wirt­schaft, denn das einzige Wort für die leistungslosen Zinskosten ist „Subventionierung“.

Das ist die wirkliche Wurzel der ökonomischen Probleme, wie z. B. der Massenarbeitslosigkeit. Diese kann man sehen als Leistungsreserve, die nicht abgerufen wird, weil es zu Fehlallokationen im Wirtschafts­kreis­­­­­lauf kommt.

Die Idee, eine Währung zu schaffen, die diesem Mechanismus ent­ge­gen­wirkt, ist nicht neu.[10]

Marx hat zwar an einigen Stellen die Funktion des Geldes im Wirt­schaftskreislauf korrekt bedacht, hat dieser aber trotzdem keine zentrale Bedeutung in seinen Theorien gegeben. Wissen ist im In­for­ma­tions­zeitalter das wichtigste Produktionsmittel geworden. So ist das Eigentum an Produktionsmitteln eine gänzlich andere Kategorie geworden als im Zeitalter der Schwerindustrie. Auch an dieser Stelle ist das Eigentum an Kapital, das etwa dafür eingesetzt wird, Firmen zu gründen, viel aus-schlaggebender als das Eigentum an Produktionsmitteln.

Nebenbei sei bemerkt, dass der dialektische Materialismus alle Tätig­keiten außer der Erwerbsarbeit als Reproduktionsarbeit betitelt – eine grau­same Verunstaltung der Sprache und des Sachverhalts. Mit dieser For­mulierung versucht sich der Marxist am eigenen Schopf aus seiner unmittelbaren Lebens- und Gefühlswelt herauszuziehen. Dabei wird ihm das Leben an sich völlig nebensächlich. Die marxistische Theo­rie ist ja auch erklärterweise eine materialistische, die damit ein re­duk­tio­nis­tisches und deshalb ungenügendes Weltbild hat.

Marx’ in weiten Teilen zutreffende Analyse des Kapitalismus, der stän­diges Wachstum braucht, zugleich immer größere Kapitalakkumulation dabei hervorruft und einen gnadenlosen, sich stets weiter verschärfenden Wettbewerb entfacht, lässt es eigenartig erscheinen, dass die westlichen Wirtschaftssysteme über die sozialistischen triumphierten. Warum sind sie nicht in einer wahrhaft katastrophalen Krise zusammengebrochen?

Die Antwort ist, dass wir auf dem besten Weg dorthin sind. Während nach dem Zweiten Weltkrieg breite Schichten an einer Steigerung des Lebensstandards teilhatten, weil die Kapitalakkumulation politisch ab­ge­schwächt war, verschärfen sich seit der politischen Entscheidung zum Neoliberalismus die Auswirkungen des Kapitalismus. Die Macht­kon­zen­tration des Kapitals und auch der Konzerne nimmt stetig zu. Die Stei­gerung des Bodenwertes und die Kapitalschaffung, von der ein nicht uner­heblicher Teil an den Börsen stattgefunden hat, haben eine ex­po­nen­­tielle Entwicklung erlebt. Der Anteil des Zinsaufkommens ge­gen­über dem Bruttosozialprodukt hat stetig zugenommen. Wir haben heu­te enorme Kapitalmassen, die nach Rendite suchen. Gleichzeitig ha­ben die breiten Schichten der Bevölkerung nicht mehr Anteil an der Wert­schöp­fung. Real sinkende Löhne, die Schaffung von Nie­drig­lohn­sek­toren, Mas­sen­arbeitslosigkeit oder »working poor« sowie ein stei­gen­der Anteil wirklicher Armut kennzeichnen die Lage.

Das so genannte goldene Zeitalter des Kapitalismus nach dem Zwei­ten Weltkrieg dagegen ging einher mit dem Bemühen, soziale Ge­rech­tig­keit zu etablieren und die Bevölkerungen, die unter dem Krieg sehr ge­lit­ten hatten, am Wohlstand teilhaben zu lassen. Soziale Pro­gramme, so­zia­le Absicherung usw. wurden ausgebaut. Das wichtigste Merk­­mal die­ser Zeit war aber, dass das Kapital nicht frei durch die Welt flu­tete, son­dern es wirksame Maßnahmen gegen Spekulationsgeschäfte, Ka­pi­tal­flucht usw. gab. Die Wechselkurse waren nicht den Marktkräften aus­ge­setzt, sondern staatliche Regulierungen verhinderten die Wäh­rungs­spe­ku­lation.

Heute haben wir die Instabilität, die mit dem freien Kapitalmarkt einhergeht. Die Krisen in Russland und Asien sind letztlich dem Abzug von enormen Mengen an Kapital zu »verdanken«. Die politisch durch­ge­setzte Mobilität des Kapitals schafft nicht nur den virtuellen Senat, son­­dern destabilisiert auch die Weltwirtschaft bis hin zu einer ver­nich­tenden Krise, die sie auslösen könnte.

Langfristig gesehen trifft die marxistische Prognose zu. Auch im gol­de­nen Zeitalter wurde man strukturellen Problemen wie der Ent­wick­lung der Dritten Welt und dem Umweltproblem nicht Herr. Ka­pi­ta­li­s-tische Wirtschaften können ohne Wachstum nicht auskommen. Und Wachstum bedeutet, dass ständig mehr Kapital erzeugt wird, was ständig nach Rendite verlangt: Mehr Güter müssen produziert werden, und eine Spirale der immer weitergehenden Umwelt- und Res­sour­cen­be­lastung geht damit einher. Denn die Forderung nach gesundem Wachs­tum, das es theoretisch geben könnte, widerspricht dem Zwang nach ex­po­nen­ti­el­lem und damit krankhaften Wachstum, das durch den Neoliberalismus weiter forciert wird.

[1] Ulrich Weiß, Marx und der mögliche Sozialismus, in: Kommunistische Streitpunkte. Zirkularblätter, Nr. 5, 10. 2. 2000.

[2] Dieter Suhr, Der Kapitalismus als monetäres Syndrom. Aufklärung eines Widerspruchs in der Marxschen Politischen Ökonomie, Campus Verlag, Frankfurt/M. 1988, S. 11.

[3] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, 3. Band, herausgegeben von Friedrich Engels;

Hamburg 1894. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Band 25, Berlin 1969, S. 389.

[4] Dieter Suhr, Der Kapitalismus als monetäres Syndrom, a.a.O., S. 12.

[5] Ebd.

[6] Ebd., S. 17.

[7] Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, a.a.O, S. 79.

[8] Dieter Suhr, Der Kapitalismus als monetäres Syndrom, a.a.O., S. 18.

[9] Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, a.a.O., S. 79.

[10] Vor allem Silvio Gesell hat diesem Thema ausführliche Schriften gewidmet. (Beispielsweise: Die Verstaatlichung des Geldes (1892), Die neue Lehre von Geld und Zins (1911), Die gesetzliche Sicherung der Kaufkraft des Geldes durch die absolute Währung (1919)).