Roboter kaufen nicht

16. November 2009

Anmerkungen zu Rationalisierung, Rendite und Arbeitslosigkeit

von Klaus Schmitt

Die Rationalisierung frisst Arbeitsplätze, wird behauptet. Wenn man bedenkt, dass schon seit der Steinzeit rationalisiert wird, ist es verwunderlich, daß es überhaupt noch Arbeit gibt. Und auch, dass es zeitweilig ein höheres Angebot an Arbeitsplätzen gab als Menschen, die bereit waren, sie einzunehmen. Das Überangebot an Arbeitsplätzen in den 60er Jahren in der alten BRD ist längst vergessen.

Statt zu fragen, wie dieser “natürliche” Zustand der Vollbeschäftigung wieder hergestellt werden kann, fordern gewisse Leute die Umverteilung des schrumpfenden Angebots von Arbeitszeit. Bis es keine mehr umzuverteilen gibt? Niemand fragt: warum Arbeitslosigkeit?, wo doch die Arbeit “auf der Straße liegt”. Oder gibt es zum Beispiel genügend Wohnungen und Kitas?

Andere wollen jedem ein “arbeitsunabhängiges Mindesteinkommen” (Wolfgang Engler in Sklaven 31/1996) garantieren. Ein wahrer Trost für junge Menschen, die in ihrem Leben nie mehr die Chance erhalten werden, ihren Lebensunterhalt durch eigene Leistung bestreiten zu können. Und wer soll die geforderten Almosen von 1.000 oder 1.200 Mark im Monat bezahlen? Die immer weniger werdenden produktiv arbeitenden Menschen, die eh schon für den Staat, für das wachsende Heer der Altersrentner und vor allem für die Kapital- und Grundrentner auf zwei Drittel ihrer Arbeitserträge verzichten müssen?

Roboter kaufen nicht. Wo nicht gekauft wird, gibt es keine Aufträge und keine Arbeit. Irgend wann auch nicht mehr für die Roboter. Es sei denn, die Eigentümer der Roboter, also jene, die die Renditen aus den Robotern erhalten, geben diese Gewinne wieder aus. Doch wer kann Kapitalgewinne zwischen 100.000 und einer halben Million am Tage für Sekt und Kaviar verprassen 1? Die Konsumtionsrate der hohen Einkommen ist niedrig, die Sparrate hoch, lehrt uns J. M. Keynes. Fließen die Ersparnisse nicht zurück in den Wirtschaftskreislauf, kommt es zu Absatzstockungen, Arbeitslosigkeit und Pleiten.

Nun gibt es jedoch genug Konsumenten und Unternehmer, die dieses Geld benötigen, um dringende Konsumbedürfnisse zu befriedigen bzw. einen Betrieb aufzubauen oder zu erweitern. Sie könnten es leihen. Doch sie erhalten dieses Geld nur, wenn sie willens und in der Lage sind, die von den Geldbesitzern geforderten Zinsen für die Zurverfügungstellung dieser Ersparnisse (dieser “Liquidität”) zu zahlen: eine “Liquiditäts[verzichts]prämie” (Keynes). Doch die Unternehmer werden es nur dann leihen, wenn die Gewinne aus den Neuinvestitionen, die über den Unternehmerlohn hinausgehen, die Kreditzinslasten abdecken.

Die größten Gewinne können (noch) gemacht werden, wenn rationalisiert, diese Kapitalgewinne also in Automaten und Roboter investiert werden, und ihre Produkte exportiert werden können. Das macht menschliche Arbeitskraft überflüssig, was zu Arbeitszeitverkürzung bei “vollem Lohnausgleich” führen könnte, - wenn nicht die Vorteile der Rationalisierung in Form der Kapitalzinsen allein den Geldgebern und Kapitaleigentümern zugute käme. Doch die Zinseszinsakkumulation im Zusammenhang mit der Rationalisierung führt zu einer exponentiell zunehmenden Umverteilung der Einkommen von den Produzenten (Arbeitern und Unternehmern) hin zu den Kapitalrentnern (Kapitalisten) 2. An einem simplen Rechenexempel können wir uns diesen Vorgang verdeutlichen.

Nehmen wir einmal an, ein Betrieb beschäftigt zusammen mit dem Unternehmer oder Manager 500 Leute und besitzt lediglich einen Maschinenpark im Werte von 10 Millionen Mark. Er produziert Güter im Verkaufswert von 100 Millionen Mark im Jahr. Davon betragen die Lohnkosten einschließlich Unternehmerlohn rund 50 Millionen Mark, die Kosten für die Abschreibung der Anlagen, Material- und Instandhaltungskosten, Rücklagen, Steuern, Versicherungen etc. vielleicht 49 Millionen Mark. Für den Geldgeber bzw. Kapitaleigentümer verbliebe dann eine Rendite von 1 Million Mark im Jahr. Das entspricht einem Kapitalertrag von 10% des investierten Kapitals oder von 1% des für das Produkt auf dem Markt erzielten Preises. Der Lohnanteil beträgt jedoch 50% des Produktpreises.

Nehmen wir jetzt einmal an, entsprechend der technischen Entwicklung wird der ganze Betrieb auf vollautomatische Produktion umgestellt, was eine Investition von 200 Millionen Mark notwendig macht. Es wird jedoch nicht mehr produziert als zuvor und auch die Endpreise der Produkte verändern sich nicht. Zwar steigen die übrigen Kosten wegen der Abschreibung und Instandhaltung der teuren Roboter, sagen wir auf 58 Millionen (diese Summe ist für uns unwichtig, weil es uns allein auf die Veränderung der Relation zwischen Arbeitseinkommen und Kapitalrente ankommt), wichtiger sind die jetzt horrenden Kosten, die durch die Forderung der Geldgeber bzw. Kapitaleigentümer nach einer “angemessenen” Verzinsung ihres angelegten Geldkapitals entstehen. Die Roboterisierung ermöglicht jedoch eine erhebliche Einsparung von Arbeitskräften. Dadurch werden die Zinskosten kompensiert und überkompensiert. Wenn mit dem Unternehmer oder Manager, sagen wir mal, 20 Beschäftigte im Betrieb verbleiben, dann betragen die Lohnkosten nur noch 2 Millionen Mark im Jahr. Nach Abzug all dieser Kosten verbleibt (bis zum eventuellen Auftauchen einer Konkurrenz, die den Preis der Produkte drückt) eine Rendite von 40 Millionen Mark im Jahr bzw. 20% vom investierten Kapital. Der “selbständige” Unternehmer teilt sich diesen “Profit” (Marx) mit dem Geldgeber; er ist dann nicht nur Unternehmer, sondern, nach der hier verwendeten Definition, auch Kapitalist. Als “angestellter” (”lohnabhängiger”!) Unternehmer: als eigentumsloser Manager, kassieren diese Rendite allein die Kapitaleigentümer, z. B. die Aktionäre. Bezogen auf die Preissumme der Produkte beträgt diese Rendite 40% vom Produktpreis. Der Lohnanteil am Produktpreis beträgt jedoch nur noch 2%.

Nach der Automatisierung unseres Betriebes hat sich die Relation Arbeitseinkommen zu Kapitalrente ins Gegenteil verkehrt: War der Arbeiseinkommensanteil des zuvor arbeitsintensiven Betriebes 50mal so hoch wie der Kapitalrentenanteil, so ist das arbeitsfreie Einkommens des Kapitalrentners des jetzt extrem kapitalintensiven Betriebes 20mal so hoch wie der Lohnanteil. Damit ist der Anteil der Zinsen, die die Konsumenten zu zahlen haben, in unserem Beispiel von 1% auf 40% des Produktpreises, also um das 40fache, angestiegen!

Kritiker, die einwenden, das sei eine Milchmädchenrechnung, sollten wissen, daß auch die einfachen Rechnungen eines Milchmädchens stimmen müssen. Sonst gibt´s Ärger mit dem Milchmann und den Kunden. In unserem Rechenbeispiel müssen jedoch die Zahlen nicht empirisch exakt sein. Egal, welche ich einsetze, sie zeigen auf jeden Fall die Logik des Zinssystems im Zusammenhang mit der Rationalisierung: der Anteil der Roboterrenditen in den Warenpreisen wächst mit der technischen Entwicklung, der Lohnanteil wird entsprechend geringer. Da die Kapitalerträge den Eigentümern bzw. Geldgebern der rationalisierten und automatisierten Produktionsmittel zufließen und sie diese Erträge, ganz dem Werbeslogan der Commersbank “Renditen ohne Grenzen” folgend, immer wieder gegen Zinsen in Automaten und Roboter anlegen, steigen die Kapitalrenten der Kapitalisten sogar exponentiell: mit Verdoppelungsraten pro Zeiteinheit. Das heisst, bei einer Zinsrate von zum Beispiel 10% verdoppeln sich Rendite und Vermögen alle 7 Jahre.

In der BRD sind die Aktienkurse (nach Dax) seit Anfang 1991 bis heute - also in 6 Jahren - um 247% angestiegen, während die Arbeitslosigkeit im gleiche Zeitraum um 2,3 Millionen zugenommen hat (Der Spiegel 12/1997). In der Autobranche wird besonders intensiv automatisiert. Bei Daimler-Benz stiegen die Aktienkurse seit Anfang 1996 bis Anfang 1997 - also bereits in einem Jahr - um 75% an, obwohl oder gerade weil dort von 1990 bis 1996 87.000 Arbeiter entlassen worden sind. Bei VW stiegen in den gleichen Zeiträumen die Aktienkurse sogar um 93%, während 20.000 entlassen wurden. Das heisst, dass sich der Reichtum der VW-Aktienbesitzer bereits in knapp 1 Jahren fast verdoppelt hat. Dafür haben sie keinen einzigen Finger krumm gemacht. Gearbeitet haben die VW-Arbeiter und die meisten der VW-Kunden.

Wenn zu diesem Reichtumszuwachs der Reichen zudem noch (was um der Umwelt wegen zu begrüßen wäre) das Wachstum in der Volkswirtschaft nachläßt, stagniert das Volkseinkommen. Wachsen jedoch die Einkünfte aus Zinsen und Renditen weiter, dann geht das zu Lasten anderer Einkommen, werden Löhne, Arbeitslosen- und Kindergeld, Sozialhilfen, Altersrenten usw. gekürzt. Wer kauft dann noch die Produkte der Roboter, wenn auch der Konsumanteil an den gigantischen Einkommen der reichen und superreichen Eigentümer der Roboter zu einer volkswirtschaftlich zu vernachlässigenden Größe schrumpft?

Die Neoliberalen meinen, die Arbeitnehmer sollten nur Lohnverzicht üben und sie würden dann auch einen Arbeitsplatz finden. Das paßt ins neoliberale Bild einer Wirtschaftspolitik der Einkommensumverteilung zu Gunsten der Kapitalrentner. Doch genau hier liegt der Fehler der neoliberalen Beschäftigungstheorie. Unsere Wirtschaft leidet gerade unter dem Widerspruch von “Geld ohne Bedarf” in der Hand der Reichen und Superreichen und dem “Bedarf ohne Geld” (D. Suhr) bei den Minderbemittelten und Armen 3.

Roboter halten keine Nachfrage und sie schaffen keine Arbeitsplätze; aber auch ihre Eigentümer haben kein ihren Einkommen entsprechendes Interesse an Konsumgütern und schon gar kein Interesse an Arbeitsplätzen. Ihr Interesse ist “interest”: Zins, Rente, Rendite. Allein diesem Zweck dienen ihnen die Roboter. In sie (und alles andere, was Lohnkosten spart) legen sie ihr Geld an, - auch die Renditen aus der Rationalisierung und Roboterisierung. Auf diese Weise wachsen ihr Vermögen und mit den Vermögen die Zinserträge aus diesen Vermögen exponentiell. Diese mit Verdoppelungsraten wachsenden arbeitsfreien Einkommen sind jedoch jenes Geld, das andere Menschen, die diesen Reichtum produziert haben, dringend benötigen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Würden diese Menschen ihren vollen Arbeitsertrag, also auch dieses ihren Leistungen vorenthaltene Geld bekommen, dann würden sie jene Nachfrage schaffen, die die Arbeitslosigkeit reduzieren und vielleicht überwinden könnte.

Nicht eine Umverteilung der Arbeit oder ein garantiertes Mindesteinkommen ist also gefragt, sondern eine radikale Umverteilung des Volkseinkommens zu Gunsten der Produzenten mit den menschlichen Bedürfnissen nach Gebrauchsgütern und zu Ungunsten der Kapitalrentner mit den parasitären Kapitalinteressen. Bei einer leistungs- und sozialgerechte Verteilung des Sozialprodukts werden die Roboter den Menschen zwar auch einen großen Teil der volkswirtschaftlich notwendigen Arbeit abnehmen, aber zum Vorteil der arbeitenden Menschen und ohne erzwungene Arbeitslosigkeit. So, wie es auch zur Zeit der “Rationalisierungen” bei den phantasievollen Steinzeitmenschen war, die zur “Verlängerung ihres Armes”, wie die Anthropologen sagen, Werkzeuge schafften und verbesserten. Doch da gab es noch kein Zins erpressendes Geld und somit - wie Proudhon, Gesell und Keynes übereinstimmend behaupten - auch keine Kapitalrentner, die sich den ökonomischen Vorteil der Werkzeugentwicklung aneigneten, ohne ihre eigenen Arme zu gebrauchen. Um sich hierzu - vielleicht zum “sanften Tod des Kapitalrentners”, wie ihn sich Keynes bei Verwirklichung seiner “Utopie” erhoffte 4 - etwas einfallen zu lassen, gehört mehr Phantasie, als zu den Träumereien von der Umverteilung der Arbeit und vom garantiertem Mindesteinkommen.

Klaus Schmitt

1 Im Spiegel 48/1984 war zu lesen, dass der ehemalige “Kaufhauskönig” Helmut Horten aus seinem Vermögen von etwa 3,5 Milliarden 300 Millionen Mark im Jahr an Zinsen und Spekulationsgewinnen kassierte. Das sind mehr als 800.000 Mark pro Tag. Davon gab er 12 Millionen im Jahr für den privaten Konsum aus und zahlte gerade mal 8 Millionen an Steuern. Am 27. 7. 1990 berichtete die Bild-Zeitung, dass Frau Quandt damals täglich einen Zins von 650.000 Mark aus ihrem Vermögen von etwa 3 Milliarden bezog. Laut Münchener Abendzeitung vom 26. 4. 1991 besitzen die 600 reichsten Familien ein Vermögen von 100 Milliarden Mark. Daraus erhält jede im Schnitt jährlich 30 Millionen oder monatlich 2,5 Millionen Mark an Geld-, Kapital- und Bodenzinsen (zit. bei Helmut Creutz: Das Geldsyndrom). Das entspricht einer Rendite von 18%!

2 Marxisten, die Unternehmer und Kapitalisten nicht voneinander unterscheiden können, sollten sich die diesbezügliche Differenzierung ihres großen Meisters im 3. Band Kapital, S. 393 u. 395ff. (1968) ansehen. Dort ist der eigentumslose Unternehmer “Arbeiter”, wenn auch in der Funktion des Handlangers der Kapitalisten (aber welcher Proletarier, der Braunkohle in der Lausitz abbaut, oder Konsument, der ein Auto bei Mercedes oder VW kauft oder Zinsen für einen Kredit zahlt, ist das letztendlich nicht auch?). Klaus Rüdiger Metze vom Hessischen Rundfunk bringt es auf den Punkt, wenn er die Manager in den Konzernetagen die “Marionetten” der “Geldverleiher” nennt (Tagesthemen vom 25. 3. 1997). In der Tat sind es sie, die mit ihren Zinsforderungen die Gebrauchsgüter Roboter, Kaufhäuser, Wohnungen usw. zu Kapital machen. Fatal ist es jedoch, wenn Linke die vielen kleinen Krauter, die von Steuern, Zinsen, Grundrenten und Konzernen erdrückt werden, als “Kapitalisten” diffamieren.

3 Dieter Suhr: Auf Arbeitslosigkeit programmierte Wirtschaft. In: Creutz/Suhr/Onken: Wachstum bis zur Krise? Drei Aufsätze. 1986

4 John Maynard Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. 1955, S. 317 u. 185