Zur Aktualität einer libertären Zinstheorie

20. August 2009

Proudhon, Gesell und Keynes

Zur Aktualität einer libertären Zinstheorie

Klaus Schmitt

Der Geldzins verursacht den “Profit”

Warum gibt es den Geldzins?

Welche sozialen, ökonomischen und ökologische Folgen hat der der Zins?

Vollbeschäftigung ohne Wirtschaftswachstum?

Tauschbanken, Tauschringe und “Schwundgeld”

Keynes´ IWF- und Weltbank-Konzept

30 Jahre nach der 68er-Revolte herrscht Ratlosigkeit sowohl bei ihren Veteranen wie auch bei den heutigen Linken angesichts der neuen, aber eigentlich sehr alten Probleme: Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Einkommensumverteilung zu Gunsten der Reichen und zu Lasten der Armen. Nach dem Scheitern der marxistischen Wirtschaftstheorie in der Praxis des “realen Sozialismus” haben sie diesen Problemen des Neoliberalismus kaum noch etwas Handfestes entgegenzusetzen. Dabei könnte es für die Entwicklung einer alternativen Ökonomie lohnend sein, sich auf den Klassiker der Anarchie, Pierre Joseph Proudhon, zu besinnen, der erstaunlicherweise auch von heutigen Anarchisten ignoriert wird. Proudhon hat in seiner, von Marxisten verpönten und den Neoliberalen ignorierten Zinsanalyse vorweggenommen, was der “Akrat” und “Physiokrat” Silvio Gesell und kein geringerer als der berühmte “bürgerliche” Ökonom John Maynard Keynes auf den Begriff gebracht haben. Ihr gemeinsames Ziel war es, Konjunkturkrisen, Arbeitslosigkeit und die Ausbeutung der Produzenten durch den “Mehrwert” zu überwinden – klassische sozialistische Anliegen. Ausserdem – höchst aktuell und kaum bekannt – verspricht Keynes Vollbeschäftigung ohne quantitatives Wirtschaftswachstum.

Der Geldzins verursacht den “Profit”

Die Gemeinsamkeiten dieser drei anti-neoliberalen und “anti-marxistischen Sozialisten” (Dillard; Keynes, S. 300) sind bereits unmittelbar nach Erscheinen des Keynes´schen Hauptwerks Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes Mitte der 30er Jahre der Doktorand Dudley D. Dillard entdeckte worden1. Sie betreffen jedoch nicht die staatsinterventionistischen und kapitalfreundlichen Interpretationen der Keynes´schen Beschäftigungstheorie durch die Sozialdemokraten etc., sondern ihre Analysen des Geldzinses.

Gesell zitiert zustimmend eine Kernthese Proudhons, die ebenso von Keynes formuliert sein könnte: “Wenn den Unternehmern das Geldkapital zur Hälfte des jetzigen Zinses angeboten würde, so müsste auch bald der Zinsertrag aller übrigen Kapitalien um die Hälfte heruntergehen”2. Mit anderen Worten: wenn der Geldzins auf Null fallen könnte, dann würde, “sagen wir innerhalb fünfundzwanzig Jahren oder weniger” (Keynes, aaO., S. 274), auch die Kapitalrente - Marx: der “Profit” - verschwinden und damit wäre auch der “funktionslose Investor”, der Kapital-”Rentner”, also derjenige, der - wie schon der Begriff Rentner besagt - ein arbeitsfreies Einkommen bezieht, also die Arbeit anderer Menschen ausbeutet, eines “sanften Todes” gestorben (Keynes, S. 317). Die Kapitalrente würde in die Einkommen aller Produzenten: “lohnabhängiger” wie “selbständiger”, eingehen.

Doch das wird - nach übereinstimmender Auffassung Proudhons, Gesells und Keynes´ (S. 192) - durch den unelastischen Geldzins verhindert. Fällt nämlich die elastische Rate des Kapitalzinses im Laufe der Konjunktur so weit, dass er die unelastische Geldzinsrate zu erreichen droht, dann werden die Unternehmer nicht weiter investieren. Denn jede zusätzliche Investition, deren Kreditzins-Belastung grösser ist als der zu erwartenden Kapitalzins-Gewinn, würde dem Unternehmer Verluste bringen: die “Grenzleistungsfähigkeit des [Sach-]Kapitals” (Keynes, S. 114 - 138, 297), das Finanzkapital mit den geforderten Zinsen zu bedienen, ist erreicht. Sind viele Unternehmen an diesem Punkt angelangt, werden auch viele Neuinvestitionen unterbleiben. Das sonst dafür ausgegebene Geld fehlt in der Zirkulation, es kommt zu einem allgemeinen Nachfragerückgang, zu Absatzstockungen, Produktionseinschränkungen, Arbeitslosigkeit und Konkursen. Das ist die “proudhonistische” Krisentheorie.

Diesen Zusammenhang von Geldzins und Kapitalzins hat “die klassische Theorie unauflöslich durcheinandergebracht”, schreibt Keynes (S. 297). Die Klassiker wie auch die Neo-Klassiker oder Neo-Liberalen glauben, über einen unbegrenzt variablen Geldzinsfuss würde sich das Angebot an Geldersparnis und die Nachfrage nach Krediten in der Wirtschaft so einpendeln, dass nur so viel gespart wird, wie Kredite nachgefragt werden. Folglich entstehen langfristig - wenn auch die Löhne elastisch reagieren - keine Nachfragelücken in der Zirkulation; es stellt sich immer wieder automatisch und umgehend ein wirtschaftliches Gleichgewicht ein.

Wie Proudhon, Gesell und Keynes, widerspricht auch Marx - entsprechend der empirischen Erfahrung - diesem Gleichgewichtspostulat. Doch wie die Klassiker, glaubt auch er, der Zins sei unbegrenzt elastisch: “Die Minimalgrenze des [Geld-]Zinses ist ganz und gar unbestimmbar. Er kann zu jeder beliebigen Tiefe fallen”3.

Hier liegt der entscheidende Irrtum der Klassikern einschliesslich Marx und die Differenz zu Proudhon, Gesell und Keynes. Sie erkannten, dass zwar der Kapitalzins “zu jeder beliebigen Tiefe fallen” kann, also auch auf Null und drunter, nicht aber der Geldzins: er ist - empirisch bewiesen4 - immer positiv und unterschreitet langfristig und real (d. h. nach Abzug der Kreditverwaltungskosten, der Risikoprämie und der Inflationsrate) nicht die 3%-Marke. Gesell nennt diesen Real- oder Netto-Zins den “Urzins”.

Warum gibt es den Geldzins?

Warum es überhaupt einen langfristig positiven Geldzins gibt, sehen Proudhon, Gesell und Keynes in der Vormachtstellung des Geldes gegenüber den Waren: das Geld einer festen Währung lässt sich - anders als die meisten wirtschaftsgüter (ausser Boden) - kostenlos “horten”, denn Geld fault und rostet nicht, erfordert keine Lager- und Instandhaltungkosten, veraltet nicht, kommt nicht aus der Mode und muss nicht essen, wohnen usw., wie die Ware Arbeitskraft5. “Keiner kann kaufen, ohne dass ein anderer kauft. Aber keiner braucht unmittelbar zu kaufen, wenn er selbst verkauft [also Geld] hat”6, hat Marx richtig erkannt, denn Geld unterliegt keinem “Schwund” (Gesell), keinen nennenswerten “Durchhaltekosten” (Keynes, S. 188 - 202), die zum Kaufen nötigen.

Keynes sieht diese Vormachtstellung ausserdem in der besonders hohen Lilquidität des Geldes gegenüber anderen Wirtschaftsgütern (einschliesslich Sachkapital und Boden): in der Möglichkeit, überall, unmittelbar und zu jeder Zeit alles auf allen Märkten kaufen zu können, was günstig angeboten wird (S. 189 f., 195 f. u. 198). Diese Spekulationsmöglichkeit ist wiederum ein wichtiges Motiv für grosse Einkommensbezieher, Geld zu “horten” (Gesell), zu “sparen” (Keynes, S. 143 - 146). Der Besitzer solcher Ersparnisse hat also kein Motiv, diese Liquidität herzurücken, es sei denn, es winkt ein Gewinn. Wer von ihm also seinen Geldhort leihen will, muss ihm für die Dauer seines Verzichts auf diesen Liquiditätsvorteil eine Entschädigung zahlen: die “Liquiditäts[verzichts]prämie” (Keynes, S. 189).

Aus der Hortbarkeit und dem Liquiditäsvorteil des Geldes ergibt sich der Geldzins.

Die Höhe des Zinses entsspricht mindestens dem zu erwartenden Gewinn, der aus der Verfügung über Liquidität voraussichtlich mindestens zu erzielen ist: 3% der Geldsumme im Jahr. Bei Anlage grosser Summen und bei einer langfristig anhaltenden Inflationphase ist die Zinsrate entsprechend höher. Der Realzinssatz schwankt langfristig etwa zwischen 4 und 5% im Jahr4.

Welche sozialen, ökonomischen und ökologische Folgen hat der der Zins?

1. Damit die Unternehmer die Kreditzinsen für Investitionen bezahlen können, müssen alle Produkte der verschuldeten Produktionsmittel ebenfalls Zinsen einbringen: den Sachkapitalzins, die Rendite. Die zinserpressenden Geldhorte sind also das ursprüngliche, das “Urkapital” (Gesell); ihre Zinsen machen die (vermehrbaren) Produktionsmittel, Gebrauchsgüter (Wohnungen etc.) und Waren erst zu Kapital, d. h. zu Zins abwerfenden Gütern. Jene Unternehmer, die Eigentümer schuldenfreien Kapitals sind, kassieren den Kapitalzins in die eigene Tasche, sind dann nicht nur Unternehmer (Marx: “Arbeiter”7), sondern ausserdem Kapitalisten.

2. Da der Zins ein arbeitsfreies Einkommen der Geldbesitzer und Eigentümer von Kapital ist, den die Produzenten erarbeiten müssen, ist er ein Ausbeutungsfaktor. (Das Gleiche gilt für den, neben Geld- und Kapitalzins, dritten Mehrwertanteil: den Bodenzins, die Grundrente, ein anderes, hier ausgeklammertes, aber dennoch wichtiges Thema8.)

Wie schon Proudhon bemerkte (siehe oben), ist “der Geldzinsfuss der ausschlaggebende Zinsfuss” (Keynes, S. 192) für die Zinshöhe aller anderen Kapitalien. Hohe Kapitalzinsen wiederum treiben Kosten und Preise in die Höhe. Der Zinsanteil (einschliesslich Bodenzins) an allen Waren macht gegenwärtig im Durchschnitt etwa ein Drittel der Preise aus. Bei den Wohnungsmieten beträgt er sogar bis zu 80% der Kostenmiete. Wird z. B. eine (einschliesslich Grund und Boden) 200.000 Mark teure Wohnung zu 7% kreditiert, dann betragen die jährlichen Kreditzinsen 14.000, die monatlichen also 1.167 Mark. Hinzu kommen rund 300 Mark Abschreibungs-, Instandhaltungs- und Verwaltungskosten monatlich, macht zusammen 1.467 Mark. 1.167 Mark Zinsen von 1.467 Mark Miete ergeben einen Zinsanteil an der Miete von 79,7%. Bei einem Nettoeinkommens von z. B. 2.300 Mark im Monat machen 1.167 Mark Zinsen gut die Hälfte des Nettoeinkommens aus.

Wir sehen, es sind die Zinsen in der Zirkulations- und Konsumtionssphäre, die eine entscheidende Rolle spielen bei der Einkommensverteilung in der Volkswirtschaft, und nicht so sehr die Löhne in der Produktionssphäre, auf die sich die Marxisten einseitig fixieren.

3. Wegen des unerbittlich geforderten (unelastischen) Geldzinses einerseits und des fallenden (elastischen) Kapitalzinses andererseits kommt es regelmässig zu Konjunkturkrisen (siehe oben). Um Verluste zu vermeiden und einen drohenden Konkurs abzuwenden, versuchen die Unternehmer u. a. die Löhne zu drücken, was wiederum die Kaufkraft der Konsumenten schwächt und die Krise verschärft.

4. Wegen dieses immer wiederkehrenden Abbruchs der wirtschaftlichen Entwicklung wird verhindert, dass jemals so viele Produktionsmittel zur Verfügung stehen, dass der Kapitalzins auf Null fallen kann. Mit dem Geldzins bleibt also auch das “Äquivalent” des Geldzinses, der Kapitalzins, langfristig positiv und der Kapitalismus erhalten.

5. Der Zins führt zu Verzerrungen in der Investitionsstruktur.

MancheR wird sich schon gefragt haben, warum in Berlin Büroräume gebaut werden, die leer stehen, statt Wohnungen, die gebraucht werden. Eine Antwort: Weil die Zinsbelastungen der Wohnungen von den meisten Einkommensbeziehern nicht bezahlbar sind, eher die ebenso oder noch teureren Büros von Gewerbetreibenden, da diese die Zinslasten auf ihre Kunden abwälzen und damit auf viele Konsumenten verteilen können. Für Investoren erscheint es daher risikoloser, für Gewerbetreibende Gewerberäume zu bauen, oder für niedrige Einkommensbezieher Massenwaren zu produzieren, deren Gebrauchswerte zwar gering, deren Zinsbelastungen pro Stück jedoch ebenfalls niedrig und die daher relativ billig sind und somit nachgefragt werden. Folglich wird oft am Bedarf vorbeiinvstiert.

6. Die immer wieder gegen Zins angelegten Zinseinkommne, die Zinseszinsakkumulation, führt mit zunehmender Geschwindigkeit zur Kapital- und Einkommenskonzentration in den Händen einiger weniger Menschen.

Laut Bild-Zeitung vom 27. 7. 1990 kassierte damals eine Frau Quandt aus ihrem Vermögen von 3 Mrd. jeden Tag 650.000 Mark an Zinsen - wer kann täglich so viel für den Konsum ausgeben, selbst wenn eine Klobürste 80 Mark kostet9? Also legen Bezieher hoher Einkommen einen grossen Teil davon wieder gegen Zinsen an. Der ehemalige “Kaufhauskönig” Helmut Horten z. B. kassierte zu Lebzeiten (laut Spiegel 48 / 198410) aus seinem Vermögen von 3,5 Mrd. jährlich 300 Mil. Mark an Zinsen und Spekulationsgewinnen, täglich also mehr als 820.000 Mark. Davon zahlte er an die Gemeinde seines Schweizer Domizils jährlich 8 Millionen Mark an Steuern, lediglich 2,7 % seines arbeits- und mühelosen Einkommens; schätzungsweise 12 Mil. bzw. 4% gab er jährlich für den privaten Konsum aus. So verblieben 280 Mil. bzw. 93% seines Zins- und Spekulations-Einkommen, das er wieder gegen Zins und in Spekulationen anlegte. Durch diese Zinseszinsakkumulation wachsen diese Vermögen exponentiell. Als Grossanleger ersparen sie den Banken zudem Verwaltungskosten, erhalten also höhere Zinsen als ein popeliger Kleinsparer. Bei einem (nach Abzug der Inflationsrate) realen Zinssatz von z. B. 5% im Jahr verdoppeln sich ihre Vermögen und damit auch ihre immer wieder gegen Zins angelegen Zins-Einkommen etwa alle 14 Jahre. Ein Vermögen von heute 3,5 Mrd. wächst in 14 Jahren auf 7 Mrd. an, in weiteren 14 Jahren auf 14 Mrd., dann auf 28 Mrd., auf 56 Mrd., und beträgt in 70 Jahren 112 Mrd. usf.

7. Mit den gleichen Verdoppelungsraten wachsen auch die Schulden der Kreditnehmer, wenn sie nicht in der Lage sind, sie zu tilgen und die geforderten Zinsen zu zahlen.

Bei einem Kreditzins von z. B. 10% verdoppelt sich so die Schuldenlast alle 7 Jahre. 1.000 Mark sind dann in 28 Jahren auf einen Schuldenberg von 16.000 Mark angewachsen. In dieser Zinsfalle befanden sich in den 80er Jahren viele Entwicklungsländer und manche Länder des “realen Sozialismus” und heute viele Erwerbslose.

8. Die Zinswirtschaft erzwingt Wirtschaftswachstum.

Wenn die Volkswirtschaft nicht in dem Masse wächst, das notwendig ist, um den Einkommenskuchen der Volkswirtschaft mindestens um den wachsenden Anteil der Zinseinkommen zu vergrössern, kommt es - wie wir das gegenwärtig erleben - zu einer Einkommensumverteilung zu Ungunsten der Bezieher von Arbeitseinkommen, Sozialhilfen, Kindergeld, Altersrenten usw. Um eine Verelendung breiter Volksschichten zu vermeiden, zwingt die Zinseszinsakkumulation zu Wirtschaftswachstum, und zwar ebenfalls exponentiell: mit zunehmender Wachstumssumme pro Jahr.

Bei einem Wirtschaftswachstum von z. B. 5% im Jahr verdoppelt sich die Produktion der Produktionsanlagen und der Konsumgüter alle 14 Jahre. Das bedeutet: heute 1 Fernsehgerät und 100 Atomkraftwerke (bzw. ihre Äquivalente), in 70 Jahren - nach einem “erfüllten Leben” - 32 Glotzen in der Wohnung und 3.200 AKWs im Lande.

9. Auch die hohen Sparraten der Zinseszins-Einkommen gefährden die Konjunktur.

Damit der Wirtschaftskreislauf geschlossen und die Konjunktur erhalten bleibt, darf kein Geld der Zirkulation entzogen werden: Entweder, alle Einkommen werden unverzüglich verkonsumiert, oder gespartes Geld fliesst umgehend als Kredit wieder in die Wirtschaft. Doch Kredite werden nur aufgenommen, wenn nicht nur die Kreditzinsen bezahlbar sind, sondern die Produkte aus den Investitionen auch gekauft werden. Weil jedoch “die Reichen reicher” und “die Armen ärmer” (Spiegel-Titel) werden, wächst auch das “Geld ohne Bedarf” auf Seiten der Reichen, während auf Seiten der Armen der “Bedarf ohne Geld” (Dieter Suhr11) zunimmt. Weil die potentielle Kaufkraft der Reichen eine relativ geringe Konsumgüter-Nachfrage hält (siehe Horten), während die potentielle Nachfrage der Armen zu wenig Geld zum Kaufen hat, geht mit der Einkommensumverteilung die Konsumgüterproduktion relativ zum Produktionszuwachs zurück. Es wird weniger investiert, die Arbeitslosigkeit wächst, mehr Erwerbslose kaufen weniger usf. - eine Schraube ohne Ende.

10. Die Zinseszinsakkumulation, Einkommensumverteilung, Verschuldung, Umweltzerstörung und Zunahme der Arbeitslosigkeit wird noch erheblich beschleunigt durch die Automatisierung der zinsbelasteten Produktionsmittel.

Weil mit der technischen Entwicklung der Lohn-Anteil an den Kosten und damit auch an den Preisen der Automaten- und Roboter-Produkte gegen Null fällt, steigt dementsprechend der Kapitalzins-Anteil an den Kosten und Preisen. Folglich wird die “Roboterrendite” (Suhr) - wie der Mietzins im Mietpreis - den grössten Anteil an den Preisen der Roboterprodukte ausmachen. Denkbar, dass eines Tages die Preise der Roboterprodukte fast nur noch von den Zinsen bestimmt werden. Mit der Entwicklung zur vollautomatisierten Wirtschaft wird auch der Zinsanteil am gesamten Volkseinkommen steigen - und der Lohnanteil gegen Null fallen. Und wer soll dann noch die Produkte der Roboter kaufen, wenn die Bezieher riesiger Zinseinkommen diese nur wieder in Roboter anlegen wollen?

Wir sehen: das von den Neoliberalen und Marxisten ignorierte Zinssystem ist ein Widerspruch in sich. Das hat Helmut Creutz in Das Geldsyndrom akribisch und überzeugend aufgezeigt und damit die Berechtigung der Zinskritik Proudhons12 bewiesen.

Vollbeschäftigung ohne Wirtschaftswachstum?

Was wäre, wenn der “Urzins” um Null oszilieren und damit der Kreditzins auf die Tiefe der notwendigen Kreditverwaltungskosten und Risikoprämie fallen würde, bei Festwährung auf etwa auf 2%? Dann käme es nach Keynes´ Meinung zum Zustand der “Vollinvestition” (S. 274, 318). D. h., es würde so lange investiert werden, bis ein Gleichgewicht zwischen dem Bedürfnis nach Gütern und Dienstleistungen, die erarbeitet werden müssen, einerseits und dem Bedürfnis nach Freizeit - was ja auch ein begehrtes Gut ist! - andererseits hergestellt ist. Da dann ausserdem die Mehrwertanteile Geld- und Kapitalzins einschliesslich Roboterrendite in die Löhne der Produzenten (Arbeiter im weitesten Sinne und eigentumslosen Unternehmer) eingegangen sind, würde sich nach Keynes die individuelle Arbeitszeit erheblich reduzieren. Dieser Zustand einer zinsfreien Marktwirtschaft würde zu einem “Quasi-Aufschwung” (Keynes, S. 273) führen: zu Vollbeschäftigung auf niedrigem Arbeitszeit-Niveau, und die wirtschaft dieses “quasistatischen Gemeinwesens” (S. 185) würde nicht mehr quantitativ, sondern nur noch qualitativ wachsen (184 f.).

Wir sehen: Keynes ist kein Wachstumstheoretiker, wie fälschlich behauptet wird. Und er ist auch kein Vertreter des Kapitals, wie ihn Linke gerne sehen möchten. Eher ein “Proudhonist”.

Tauschbanken, Tauschringe und “Schwundgeld”

Um den Austausch von Gütern und Dienstleistungen ohne das Zins und Krisen verursachende Geld sicherzustellen und um zinbillige Kredite vergeben zu können, forderte Proudhon eine nationale “Tauschbank”13. Eine Art Renaissance feiert die Proudhon´sche Tauschbank in den heutigen, dezentral organisierten Barter-Clubs mit z. T. Milliarden-Umsätzen14.

Aber auch in bescheidenerem Rahmen gründen heute immer mehr Erwerbslose, Sozialhilfeempfänger und andere Menschen mit wenig Geld, aber mit Bedürfnissen und mit Fähigkeiten und Gütern, die sie anbieten und mit anderen austauschen können und um sozialer Kontakte wegen, Tauschringe. Viele dieser Güter-und-Dienstleistungsbörsen (LETS) haben eine eigene Verrechnungseinheit: “Talent”, “Kreuzer”, und manche erheben - ganz im Sinne Gesells und Keynes (S. 196 u. 302) - Hortungsgebühren für Guthaben. Für überzogene Konten werden jedoch keine Zinsen gefordert, was zinsfreien Krediten gleichkommt15.

Bereits seit 1929, zu Beginn der grossen, deflationsbedingten Weltwirtschaftskrise, wurden in vielen Ländern Tauschringe gegründet und sogar autonomes, Zentralbank-unabhängiges Geld herausgegeben16. Die sehr erfolgreiche, später aber verbotene WÄRA-Tauschgesellschaft mit ihrem “Schwundgeld”, dem Geld mit Durchhaltekosten, war über das ganze Deutsche Reich verbreitet. Die Rückseite der von ihr herausgegebenen WÄRA-Scheine mussten monatlich mit Gebührenmarken von 1% ihres Nennwerts beklebt werden, wenn sie ihre volle Kaufkraft behalten sollten. Diese Kosten konnten nur vermieden werden, wenn dieses Geld schnell wieder ausgegeben wurde: für den Konsum, für Investitionen oder durch Verliehen. Mit einem zinsbilligen WÄRA-Kredit konnte im Bayerischen Wald ein Bergwerk wieder in Gang gesetzt werden17.

Das berühmteste Schwundgeld-Experiment war das der kleinen Tiroler Landgemeinde Wörgl 1932/33. Nach Einführung ihrer “Arbeitswert-Bestätigungen”, die ebenfalls mit Gebührenmarken von 1% ihres Nennwertes beklebt werden mussten, kam dort das Geschäftsleben wieder in Gang und die Gemeinde konnte gemeinnützige Arbeiten durchführen. In den 13 Monaten ihres Umlaufs fiel dort die Arbeitslosigkeit um 25%, während sie im gleichen Zeitraum in ganz Österreich um 10% anstieg. Auch diese Bürgerinitiative für ein autonomes Geldsystem (”Freigeld”) wurde verboten17.

Bis heute existiert die damals von Gesell-Anhängern gegründete WIR-Wirtschaftsring-Genossenschaft in der Schweiz. Sie hatte 1991 einen Umsatz von über 2 Mrd. SFr, eine Wachstumsrate von 14,5% und ist in der Lage, Baukredite zum sensationellen Zinssatz von 1,75% zu vergeben19. Allerdings wurden seit 1952 kein Durchaltekosten für Guthaben mehr erhoben; in Tauschringen kann Buchgeld-Hortung auch mit anderen Mitteln vermieden werden20.

Geld mit Durchhaltekosten ist nicht nur von Gesell empfohlen worden21 und auch nicht allein Praxis der Neuzeit. Bereits z. Z. der Ming-Dynastie wurde in China ein Papiergeld ausgegeben, das alle 2 Jahre gegen neue Scheine und eine Gebühr von 2% umgetauscht werden musste22. Und z. Z. der Gotik und der Hanse gab es in Mitteleuropa die sog. Münzverrufung. Die Dünnpfennige (Brakteaten) wurden 2 bis 3 mal im Jahr zum Umtausch aufgerufen. Für die Neuprägungen wurde eine Prägegebühr von 20 bis 25% des Nennwerts verlangt. Beides soll zu “blühenden Landschaften” geführt haben, wie Historiker behaupten und Croniken bestätigen23.

Keynes´ IWF- und Weltbank-Konzept

Keynes meint, jene Reformer, die “künstliche Durchhaltekosten” für Geld forderten, seien auf der “richtigen Spur gewesen” und “der praktische Wert ihrer Vorschläge verdient, erwogen zu werden” (S. 196). Konsequenterweise empfahl Keynes 1944 anlässlich der Gründung der IWF- und Weltbank in Bretton-Woods, dass nicht nur die Weltbank-Kredite mit niedrigen positiven Zinsen, sondern - “revolutionär” (Wilhelm Hankel24) - auch die dortigen Guthaben mit (niedrigen) negativen, mit “Strafzinsen” (Hankel) belastet werden. Mit diesen “Gebühren” (Keynes25) sollten die reichen Nationen veranlasst werden, ihre Handelsüberschüsse immer wieder zu Gunsten der armen und industriell unentwickelten Argrarländer aufzulösen, indem sie deren Produkte importieren und/oder ihnen billige Entwicklungsskredite geben. Ausserdem forderte Keynes für seine “internationale Clearing-Union” eine eigene, vom Zins erpressenden Dollar unabhängige Verrechnungseinheit: den “Bancor”. Dieser Keynes-Plan - eine Synthese von Proudhon´scher Tauschbank und Gesell´schem Schwundgeld - wurde zwar von der britischen Regierung akzeptiert, aber auf Druck der US-amerikanischen Banken abgelehnt.

Anmerkungen:

1 Dudley D. Dillard: Proudhon, Gesell and Keynes - An Investigation of som “Anti-Marxian-Sozialist” Antecendents of Keynes´ General Theorie of Employment, Interest and Money (Diss. University of California 1935), Angela Hackbarth Verlag, St. Georgen 1997. Ders.: Keynes and Proudhon. The Journal Of Economic Histoy 1 / May 1942, p. 63 - 76. Ders.: Gesells Geldtheorie für eine Sozialreform, Z. f. Sozialökonomie 44 / 1980. William Darity: Keynes´ politische Philosophie – Die Verbindung zu Gesell. Z. f. Sozialökonomie 116 / 1998, aus Eastern Economic Journal Vol 1, Nr. 1 / 1995

2 Silvio Gesell in Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld. 1949, S. 34: 1. Seite von Die Güterverteilung, zit. aus Was ist Eigentum?

3 Karl Marx: Das Kapital. III. Bd., 1968, S. 370

4 Gesell, aaO., S. 315: Der Urzin, u. S. 357 ff.: Der reine Kapitalzins, eine eherne Grösse. Siehe auch Keynes: Allgemeine Theorie…, S. 300 f.

5 Gesell, aaO., S. 186 ff.: Das Gesetzmässige im Umlauf des heutigen Geldes

6 Marx: Das Kapital. 1890, S. 127, zit. bei Dieter Suhr: Der Kapitalismus als monetäres Syndrom. Aufklärung eines Widerspruchs in der Marxschen Politischen Ökonomie. 1988, S. 35

7 Marx, aaO., S. 393

8 Siehe dazu Martin Pfannschmidt: Die Bodenrente; ders.: Vergessener Faktor Boden; u. Helmut Creutz: Leistungslose Einkünfte aus Bodenbesitz und ihre Verwendung als Lohn für Erziehungsarbeit. Z. f. Sozialökonomie 69 / 1986

9 Modell “Alessi” bei Both Wohnzubehör in Berlin

10 Siehe auch Kurt Breme: Wer zähmt die Reichen? Die Woche 17 / 1998

11 Dieter Suhr: Auf Arbeitslosigkeit programmierte Wirtschaft, in Creutz / Suhr / Onken: Wachstum bis zur Krise? 1986

12 Z. B. die Polemik P. J. Proudhon / Bastiat: Kapital und Zins. Siehe auch Karl Hahn: Föderalismus. Eine Untersuchung zu P.-J. Proudhons sozial-republikanisch-föderalistischen Freiheitsbegriff. 1975

13 Hugo Godschalk: Die geldlose Wirtschaft - Vom Tempeltausch bis zum Barter-Club. 1986, S. 31 - 36. Proudhon: Tauschbank u. Konsequenzen…, in Organisation des Kredits und der Zirkulation. Ders.: Volksbank, in Bekenntnisse… W. B. Greene: Mutual Banking

14 Godschalk, aaO., S. 43 - 48. Impulse 7 / 1984. Capital 9 / 1982 u. 10 / 1983

15 Rolf G. Heinze u. Claus Offe (Hg.): Formen der Eigenarbeit. 1990. Die Zeit 3. 11. 1995. Contraste 120 / 1994, 162 / 1998 u. 163 / 1998

16 Werner Onken: Ein vergessenes Kapitel der Wirtschaftsgeschichte, in Creutz / Suhr / Onken: Wachstum bis zur Krise? 1986

17 Fritz Schwarz: Das Wära-Wunder von Schwanenkirchen, in Vorwärts zur festen Kaufkraft des Geldes und zur zinsfreien Wirtschaft. 1931, S. 57 ff. Siehe auch Karussel 8 / 1997 bzw. Contraste 162 / 1998

18 Schwarz: Das Experiment von Wörgl. Alex von Muralt: Der Wörgler Versuch mit Schwundgeld. Ständisches Leben 6 / 1933, abgedruckt in Klaus Schmitt (Hg.): Silvio Gesell - “Marx” der Anarchisten? 1989. Onken, aaO., S. 70 ff. Über weitere Schwundgeld-Experimente siehe Werner Onken in Creutz, Suhr, Onken: Wachstum bis zur Krise? Drei Aufsätze. 1986

19 Godschalk: Pilotprojekte zur neutralen Liquidität. Z. f. Sozialökonomie 68 / 1986, u. Berner Zeitung 11. 9. 1992

20 Klaus Schmitt: Trotz dem Geld - Do-it-yourself-Keynesianism. Sklaven 8 - 9 / 1995

21 Zu Gesells Zeit war es Nicolas Johannsen: Die Steuer der Zukunft. 1913. Die alten Griechen Lykurg und Diogenes forderten “rostendes Geld” bzw. stinkendes “Knochengeld”

22 Hans Weitkamp: Das Hochmittelalter - ein Geschenk des Geldwesens. 1983 / 85

23 Schwarz: Die Brakteaten, das Freigeld des Mittelalters, in Vorwärts zur festen Kaufkraft des Geldes…, S. 46 ff., Faksimile in agit 883 Nr. 90 / 1983: Sechs-Stunden-Tag im Mittelalter

24 Wilhelm Hankel: John Maynard Keynes. 1986, S. 70

25 J. M. Keynes: Vorschläge für die Gründung einer internationalen Clearing-Union. Letre international 2 / 1988, S. 40 f. Siehe auch Irving Fisher: Mastering the Crisis, 1934; Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage…, 1961, S. 130 ff.; ders.: Nationalökonomischer Kurs. 1965, S.165 f., 174 u. 202, faksimiliert in agit 883 90 / 1983; Arthur Mülberger: VolksWirtschaftliches (Renzension einer Gesell´schen Frühschrift), Versöhnung 19 / 1898, abgedruckt in K. Schmitt: Silvio Gesell – “Marx” der Anarchisten? 1989; Gustav Landauer: Aufruf zum Sozialismus, 1923, S. 121; u. Erich Mühsam: Ein Wegbahner, Fanal 7 / 1930