Die Produzenten der öffentlichen Meinung

04. Juni 2010

Eldrige Cleaver benutzte den Begriff „Hersteller der öffentlichen Meinung“ in seinem Essay „Rekonvaleszenz“[1] in den 60er Jahren. Als Oppositioneller, Vertreter der Interessen der unterdrückten schwarzen Minderheit in den Vereinigten Staaten stand er natürlich dem von den Medien und den „führenden Köpfen“ in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft getragenen Zeitgeist recht kritisch gegenüber. Auch Noam Chomsky benutzt den Begriff in seiner Analyse der US-Medien: „Wie Zustimmung produziert wird“[2]. Anderswo wird das der „herrschende Diskurs“ genannt. Der in der westlichen Welt so hoch gerühmte Pluralismus stößt nämlich dort an seine Grenzen und auf starken Widerspruch, wo die herrschenden Verhältnisse hin zu mehr Gerechtigkeit geändert werden sollen.

Die Anpassungsleistung an das bestehende System wird belohnt und diese Anstrengung möchten die Verfechter des status quo nicht als Schwäche, Feigheit und Verdreherei freiheitlicher Grundsätze gebrandmarkt haben. Lieber bemühen sie alle Facetten ihres teils äußerst gebildeten Intellekts, um das zu widerlegen, was einfach nicht sein darf.

Doch auch die Produzenten sind unsicher, sie brauchen Bestätigung, sie brauchen Aufmerksamkeit (um nicht zu sagen Liebe). Deshalb wird jede Woche eine neue Sau durch das Dorf getrieben. Die Aufmerksamkeitspanne des Zuschauers ist stark begrenzt und wer sich Gehör verschaffen will, muss dementsprechend schlagkräftig agieren.

Wie kommt es nun, dass einige Themen zum beherrschenden Renner werden, während andere dagegen nur geringe Aufmerksamkeit auf sich lenken? Wir wollen hier keinen Verschwörungstheorien nachgehen, deshalb denken wir nicht, dass diese Themenauswahl zentral gelenkt wird [3]. Natürlich spielen von PR-Strategen verbreitete Kampagnen eine Rolle, wie man am Beispiel Irak-Krieg deutlich sieht. Doch normalerweise werden die meisten Nachrichten von den Nachrichtenagenturen aufgenommen und verbreitet. Diese Agenturen nehmen schon eine Bewertung auf Relevanz und Bedeutung vor. Im nächsten Schritt erhalten die Medien die vorbereiteten Inhalte und die Redaktionen wählen aus, welche der Themen nun auf die Titelseite kommen und welchen weniger Beachtung zuteil wird. Die Sensationsgeilheit redet dabei ein gutes Wörtchen mit.

Eingebettet ist die Produktion der öffentlichen Meinung jedoch immer in die neuen oder alten Wahrheiten, die die Produzenten in langen Jahren der Ausbildung, der Anpassung, der Unterordnung oder der Karriere wegens, verinnerlicht haben. Zu diesen Wahrheiten gehören vor allem Glaubenssätze wie „Der Staat hat kein Geld“, „Demokratie kann es nur mit freien Märkten geben“ und des weiteren Unsinns mehr. Aber es geht um ein tief liegendes Weltbild, in das dann auch neue Meinungen des „Zeitgeistes“ integriert werden, wie man etwa an der erfolgreichen Kampagne des Neoliberalismus sehen kann, dessen „Wahrheiten“ zügig von den „Multiplikatoren“ aufgenommen und zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit angeführt wurden.

Schon das heute vorherrschende Weltbild, in das dann die „neuen Ideen“ eingebettet werden, ist von den Produzenten der öffentlichen Meinung geschaffen. Die Bewertung der Leistungen und des Gedankenguts der vergangenen Epochen unterliegt dabei ihren Interessen und Zielen. Sicherlich ist die Forschung und die Wissenschaft in Teilen unabhängig, doch auch hier gilt: Wer mitspielen will, muss sich richtig einstimmen!
Dieses Einstimmen beinhaltet, dass man die trostlosen Zustände auf der Welt rechtfertigt und alle, die für eine bessere Welt eintreten, als Träumer oder Schlimmeres bezeichnet. Die Angepassten bemitleiden oder verachten diese Menschen, die noch nicht begriffen haben, wie die Welt funktioniert. Der Mangel an Mut, an Wahrhaftigkeit und Stehvermögen, der die Verfechter des Bestehenden auszeichnet, ist aber ursächlich dafür, wie die Welt funktioniert.

Es gibt keinen freien Wettbewerb der Meinungen. So wie die angeblich freien Märkte von den Monopolisten und wenigen großen Konzernen beherrscht werden, so wird auch die Meinungsvielfalt von den Großen beherrscht. So bestimmt der Siegreiche, wie die Dinge zu sehen sind.

1) Eldrige Cleaver, Seele auf Eis, S. 207-221, 1968, Carl Hanser Verlag, München/Wien
2) Die Konsensfabrik. Noam Chomsky und die Medien (Manufacturing Consent: Noam Chomsky and the Media), Dokumentarfilm aus dem Jahr 1992.
3) Das hat sich geändert