Erwünschte und unerwünschte Drogen

23. August 2009

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 1997, den Besitz von Cannabis für den Selbstgebrauch nicht mehr strafrechtlich zu ahnden, hat einige Aufregung verursacht. Nicht nur der Spiegel titelte ,,Hasch fürs Volk” und veröffentlichte die Fotos von der letzten Kiffer-Fete seiner Redakteure, ein weites Aufatmen und die Hoffnung auf die lang überfällige Akzeptanz des Konsums von Haschisch und Gras durch fünf bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung waren die Folge.
Die Verurteilung des Konsums von Haschisch wird aufhören. Auch der Besitz anderer Drogen soll nun nicht mehr zu Strafverfahren führen. Kokain, LSD und die Designerdrogen wie Extasy dürfen nunmehr ungestraft konsumiert werden.
Doch die Verfolgung ist immer noch vorgeschrieben.
Die Verwirrung ist groß und nach dem Beschluß des Bundesverfassungsgerichts.
Handlungsbedarf in der Drogenpolitik ist angesagt. Und weil mit diesem Beschluß nun auch die Drogen im besseren Licht erscheinen, gibt es die Chance für eine grundlegende Richtungsänderung in der Drogenpolitik.

Eine kleine Geschichte der Drogenpolitik

Bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts gab es so gut wie keine Drogenpolitik. Hanf wurde als Nutz- und Rauschpflanze auch in Deutschland angebaut. Opium fand seit Mitte des 19. Jahrhunderts marginale Verbreitung. Anfang des 20. Jahrhunderts erfand der Chemiekonzern Bayer das Heroin, und allmählich erwuchs ein Problembewußtsein.
Opiate wurden dann vom Völkerbund verboten. Aus Gründen, auf die wir gleich eingehen, wurde Cannabis gleich mit verboten. Die Handhabung dieses Verbots war aber äußerst lax.
Erst in den 30er Jahren begann in den USA ein Feldzug gegen Cannabis, der schließlich, aber erst Ende der 60er im Zusammenhang mit der Rebellion der Jugend, die Durchsetzung des Verbots und die Kriminalisierung zur Folge hatte. Dieser Feldzug wurde vor einem rassistischen und autoritären texanischen Politiker geführt. Harry Anslinger wurde 1930 Commissioner des Bureau of Narcotics. Sein Motiv war die eigene Profilierung. Als er 1954 gefragt wurde, was ihn an Hanf interessiere, antwortete er: “Ich sah die Möglichkeit, die Bedeutung des Bureaus zu heben.”

Dieser Mann erfand die Theorie über die Einstiegsdroge: “wenn nämlich der durch Marihuana ausgelöste Sinneskitzel nicht mehr befriedigt wird”, steigt mensch um. Durch haarsträubende Gutachten, Mördergeschichten und Manipulation, durch Bestellung ihm genehmer wissenschaftlicher Gutachten beeinflußte er die Öffentlichkeit der USA. Anfangs allerdings stieß die Verteufelung von Haschisch auf viel Skepsis. Ein Verbot konnte er erreichen, seine Umsetzung jedoch nicht.
Als die USA ihn auf den Posten des Vorsitzenden der UN-Drogenkommission beförderte, drückte er mit Unterstützung der europäischen Verbündeten (oder Satellitenstaaten?) und mit finanziellen Versprechen an die gemäßigteren Staaten das weltweite Hanfverbot in der UNO durch.
In den 7Oern sagte er dann: ,,Sicherlich ist Marihuana eher harmlos. Aber die Sache war ein Beispiel dafür, daß ein Verbot die Autorität des Staates stärkt.” Im internationalen Kontext ist das die Autorität der Weltmacht USA.

In den Sechzigern dann produzierte die Hinwendung der rebellischen Jugend zu den illegalen Drogen Aufmerksamkeit. Jetzt fand die Propaganda Anslingers Gehör und mächtige Verbündete. Die jahrzehntelange Propaganda zahlte sich aus. Die Theorie, daß Alkohol eine den Opiaten und dem Hanf überlegene Droge sei, weil schließlich die westliche Welt über die Haschisch-rauchende und Opiat-konsumierende restliche Welt triumphiert hätte, kam zu neuen Ehren. Die Hinwendung der rebellischen Jugend zu den verbotenen Drogen machte diese zur Zielscheibe der rechtschaffenen Bürgerlnnen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Als der Harvard-Professor Timothv Leary. sich zu weit aus dem Fenster lehnte und die Aussteiger-Parole: ,Tune in, Turn on, Drop out!” verkündete, war das Feindbild perfekt, schmarotzende Ausgefreakte, sexuell Perverse gefährdeten die Jugend, die zarte Jugend, so unschuldig. In der Folge wurde LSD verboten, Hanfrauchen wurde nun aktiv verfolgt. 1972 wurde in Deutschland das Betäubungsmittelgesetz verabschiedet und die Preise aller illegalen Drogen begannen rapide zu steigen.

Sucht

Nachdem mensch im ersten Weltkrieg endlich das perfekte Schmerzmittel entdeckte und sich so freute, daß diesem der freundliche Name Heroine gegen wurde, merkte mensch allerdings schnell, daß es extrem süchtig macht.

Da es so starkes Suchtpotential hatte, wurde es verboten, zusammen mit Opium. Aber heftig dröhnende Schmerzmittel und andere nette Tabletten gibt es beim Arzt, und Millionen Tablettenabhängige beweisen:
Die Sucht ist starker! Was macht mensch nun mit diesen ganzen verqueren Suchtbolzen? In einem Interview mit der Drogenhilfe stellt sich heraus, daß die Gründe für den Konsum wichtig sind: Problemdröhnerlnnen werden süchtig, aufrechte Menschen nicht. Das ist natürlich wieder nicht fair. Hier liegt auch ein Grundproblem: Die Leute, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen, kommen natürlich auch nicht mit Drogen zurecht und müssen deshalb von Vater Staat beschützt werden. Aber das grassierende Alkoholproblem auch bei Jugendlichen weist schon darauf hin, daß die Lösung des Problems nicht in Verboten liegt.
Die Logik der Verbote ist falsch, weil die repressive Drogenpolitik einen aussichtslosen Kampf gegen den Konsum führt. Es wird immer Drogen geben, die Polizei kann sie nur etwas knapper und damit teurer machen.
Vor allem bewirkt die Kriminalisierung der Drogen aber, daß Zusatzstoffe, die teilweise gefährlicher sind als die verbotenen Substanzen selbst, ihnen beigemischt werden. So wird beispielsweise die Gefährlichkeit von Heroin, das ansonsten keine organschädigenden Wirkungen hat, erheblich erhöht. Zudem werden Drogensüchtige durch die Kriminalisierung zu Außenseitern gemacht, die dann allen zur Last fallen.

Kriminalisierung

Erst durch die Kriminalisierung entstehen die teuren Preise, die die Beimischung gesundheitsgefährender Stoffe, die Beschaffungskriminalität und Prostitution zur Folge haben. Das Drogenelend im Fall von Heroin ist sehr direkt eine Folge der Kriminalisierung. Viele Drogensüchtige sterben aus dem Grund, daß ihnen keine Sozialeinrichtungen zur Verfügung stehen.

So führt die Polizei unter den Drogentoten recht eigenartige Fälle: Ein Selbstmord wegen der emotional strapazierenden Erlebnisse in der Therapieanstalt wird als Drogentod betrachtet. Aber selbst mit Heroin läßt sich leben und arbeiten. Wenn mensch es nicht spritzt. In einem Projektversuch in Manchester, wo Heroinsüchtigen mit krimineller Auffälligkeit statt Gefängnis Therapie mit Abgabe geringer Mengen des Suchtstoffs geboten wurde, wurden 80 Prozent nicht mehr kriminell auffällig und kehrten ins Arbeitsleben zurück.
Die Konsequenz, gegen die bisher alle möglichen dialektischen, raffinierten und sophistischen Argumente gebracht wurden, ist die Legalisierung oder zumindest die Entkriminalisierung, die mit dem Urteil nun endlich eine wirkliche Chance hat.

Legalisierung?

Das Thema Legalisierung hat natürlich noch andere Dimensionen. Wie und wo und wem sollen Drogen zugänglich sein? Wann und wie und wo und von wem dürfen sie verkauft werden? Wie sollen sie besteuert werden? Wie paßt das in den weltweiten Kampf gegen die Drogenkartelle? Wer wird in Zukunft daran verdienen?
Aber all dieses sind dem Obrigkeitsdenken verpflichtete Fragen.

Im dem Film “The King of New York” wird ein Teilaspekt des Problems behandelt. Der Drogenkönig sagt zum Polizisten: ,,Der Markt ist milliardenschwer. Ich bin nur ein Geschäftsmann und ich lasse nicht 13jährige für mich auf der Straße stehen oder Menschen für 800 Dollar in üblen Löchern hausen.”

De Kriminalisierung und damit der Versuch den Drogenkonsum zu kontrollieren ist ein Teil des obrigkeitshörigen Denkens und auch ein Teil der Machtstruktur, in der einige wenige das Recht auf die Wahrheit gepachtet haben: Drogen sind schlecht.
Doch Fernsehen ist auch schon Droge, macht apathisch, beziehungsarm usw. usf. Vater Staat oktroyiert den BürgerInnen seine Ansichten auf und behandelt sie als unmündige Wesen. Insofern berührt das Drogenproblem die grundsätzlichen Probleme der Gesellschaft.
Das Ideal einer Gesellschaft ohne Drogen ist eine Utopie, der Kampf gegen die illegalen Drogen zum Scheitern verurteilt. Einerseits deshalb, weil die von der Gesellschaft praktizierte Doppelmoral die illegalen Stoffe interessant macht, andererseits weil die Schwelle zum Missbrauch unscharf ist.

Die von der FAZ so genannten ,,Gifte mit schneller Zerstörungskraft”
Heroin und Kokain machen auch nicht beim ersten Mal süchtig und haben weniger Zerstörungskraft als Alkohol.

Sicher ist Drogengebrauch nicht der Weg zum Glück, aber genauso sicher funktioniert unsere Gesellschaft überhaupt nur mit Drogen. Das Opium fürs Volk, einst die Kirche, ist nun Alkohol, zudem die Arzneimittel und auch die illegalen Drogen, die aber deswegen eine Sonderstellung einnehmen.
Die Diskussion weiterhin mit der Propaganda von vorgestern zu führen, dient keinem.

Weitere Infos: http://www.hanfparade.de/