Frühstückseier und was sonst noch politisch ist

21. August 2009

Als ich heute morgen mein Frühstücksei aß, dachte ich wieder einmal daran, woher es kommt. Der Gedanke an die Legebatterien, in denen Hühner auf engstem Raum vor sich her vegetieren, bis sie reif für den Schlachthof sind, konnte mich aber zum wiederholten Male nicht davon abhalten, genußvoll mein Ei zu salzen und an etwas anderes zu denken.

Ein wenig später fand ich die Antwort: Eier aus natürlicher Haltung – welch einfache Lösung des Problems!

Doch beim nächsten Einkauf im Supermarkt ging mir das nächste Licht auf. Fleisch: woher? Fertigmenüs: Chemie. Joghurts: Wohin mit der Verpackung? Obst: Gesprüht?! Mehrwegflaschen: Viel teurer! Ich sah mich außerstande, meinen Einkauf fortzuführen und ging frustriert zum Bioladen, wo ich mit dem Notdürftigsten beladen wieder herauskam, nachdem ich die Hälfte des Einzukaufenden nicht bezahlen konnte.

Was sollte ich tun? Um die enormen Kosten der Lebensmittel aus gift- und chemiefreiem Anbau und natürlicher Haltung zu bezahlen, müßte ich mein Einkommen erhöhen. Für einen Studenten bedeutet das natürlich, sich einen Job zu suchen. Also auf zur Arbeitsvermittlung. Ein ungelernter Student kann so um die fünfzehn Mark die Stunde mit Arbeiten in einem Betrieb verdienen. Na, dann los!

Die Tätigkeit, die ich fand, bestand darin, die Maschine zu ersetzen, die die leeren Flaschen aus der einen Art von Kisten in eine andere Kistenart umstellt und die vollen Flaschen aus diesen Kisten in die Kisten mit den leeren Flaschen tut.

Super. Sinnvolle Arbeit macht Spaß.

Es waren Bierflaschen. Als ich um 16:00 aus der Lagerhalle kam, war ich völlig besoffen und nicht der Einzige, der dem Nahkampf mit den Flaschen unterlegen war.

Ich begann, über menschenfreundliche Arbeitsplätze nachzusinnen, über sinnvolle Arbeit, über freie Arbeitszeiteinteilung und darüber, wie das Geld unser Leben beeinflußt.

Ich hatte von einer Freundin gehört, daß sie letztens eine Gewinnauszahlung von ihren Papieren an der Börse bekommen hatte. Geld für Nichtstun: Sein Kapital arbeiten lassen. Super! Doch plötzlich erinnerte ich mich an den Anarchisten, der sich noch nicht einmal ein Bankkonto einrichten wollte und sah mit Grauen, daß gerade die Geldwirtschaft maßgeblich an den Strukturen der Ausbeutung teilhat, zudem das Mißverhältnis zwischen Arm und Reich, zwischen erster und dritter Welt verschuldet und ich erschrak ob meiner Ignoranz.

Ich begann nun auch meinen Lebensraum mit neuen Augen zu sehen. Nichts stimmte mehr: Ich produzierte Müll, verbrauchte Strom, trank Bier, rauchte Zigaretten, hatte einen Computer, einen umweltverschmutzenden Kohleofen, mochte Autofahren, trank Kaffee, nahm Industriezucker dazu.

Ich war ein ignoranter Konformist, der alle Strukturen, die ich bemängelte, mittrug. Ich beschloß, meine Wohnung aufzugeben, meine Haare abzuschneiden und nach Nepal auszuwandern.

An welchem Punkt soll man anfangen, sich Gedanken zu machen und zu versuchen, sich denjenigen Strukturen zu entziehen, die man nicht billigen kann und nicht mittragen will? Offensichtlich ist so vieles im Argen, da schon allein das Bewußtwerden der Zusammenhänge einen Fortschritt darstellt. Wenn man etwas ändern möchte, sollte man dann mit den kleinen Sachen anfangen?