Manufacturing Consent von Edward S. Herman, Noam Chomsky

21. August 2009

“Sixteen channels of shit on the TV to choose from…” (Pink Floyd)

Pink Floyd hat es schon ganz richtig erfaßt. Der Müll, den wir ständig ertragen müssen, sei es im Fernsehen, sei es in den Zeitungen oder auf den Radiofrequenzen, geht unter keine Kuhhaut, um eine nett blumige Ausdrucksweise zu gebrauchen. Sei es der vierhunderste schlechte Cop and Robber Streifen oder die kaum erträglich langweiligen Berichte in den Tageszeitungen. Die BILDung macht es da immerhin schon etwas besser: Sie erfindet lieber gleich die Nachrichten und bunte Bilder dazu.
Die Medien haben einen gesellschaftlichen Auftrag, insbesondere in Bezug auf Nachrichten und Dokumentationssendungen. Die Funktion der Medien sollte es sein, durch Berichterstattung politischer und sozialer Fragen und Ereignisse die Bevölkerung zu unterrichten und den mündigen Bürgern eine Partizipation am Meinungsbildungsprozess und somit am Entscheidungsprozess zu ermöglichen. Sie ist die wichtigste und die einzige Kontrollinstanz, die es den Bürgern in der Demokratie erlaubt, am politischen Geschehen und damit an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligt zu werden. Ihre Unabhängigkeit ist schon im Grundgesetz festgeschrieben.
1988 unternahmen Noam Chomsky und Edward Herman eine Untersuchung der Massenmedien in der USA und veröffentlichten ihre Ergebnisse in einem erschütternden Bericht. In Deutschland ist das Buch bis 1997 nicht erschienen, dafür wurde der Film zu dem Buch »Noam Chomsky and the Media« (dt. Untertitel) in einigen Programmkinos gezeigt.
Die Ergebnisse, zu denen die Autoren gelangten, sind alarmierend. Zwar ist die Situation in den Vereinigten Staaten wohl wesentlich zugespitzter als in Europa, sie aber lässt sich grundsätzlich auch hier attestieren. Sie beschreiben fünf Filter, durch die die Informations- und Themenauswahl eingeschränkt werden und die die Massenmedien zu einer Propagandamaschine entarten lassen.
Der erste Filter ist die Profitorientiertheit der Besitzverhältnisse in den Medien. Große Unternehmen beherrschen den Medienmarkt. Die Interessen dieser Unternehmen sind in erster Linie, wie bereits erwähnt, der Profit und die Erhaltung des Wirtschaftssystems, das ihnen diesen Profit ermöglicht. Daraus folgt die Parteilichkeit für eine geeignete Wirtschafts- und Finanzpolitik.
Der zweite Filter ist die Abhängigkeit der Medien von der Werbung. Die Werbekunden funktionieren wie Zulassungsinstanzen für Medien, da ohne ihre Unterstützung kein Medienunternehmen profitabel arbeiten kann und nach den Gesetzen des Marktes zugrunde gehen wird. Der Einfluss der Werbekunden auf die Medien ist immens. Ihre Wahl einer Zeitung oder eines Senders kommt seiner Unterstützung gleich. Es ist kein Zufall, dass kritische Sender/Zeitungen/Programme weniger Werbekunden haben als konforme oder konservative. Es gibt kein Medienunternehmen, das nicht abhängig von den Interessen der Wirtschaft ist. Das beste Beispiel ist die Tageszeitung »taz«, die – um ihre Unabhängigkeit von der Wirtschaft aufrechtzuerhalten – seit ihrer Gründung keine stabile finanzielle Basis hatte. Mittlerweile ist sie nicht mehr so kritisch, wie sie einmal war, und hat deshalb weniger finanzielle Probleme.
Der dritte Filter sind die Quellen, die von den Medien genutzt werden. Die Medien bedürfen eines ständigen Zuflusses von Informationen, die sie weiterverarbeiten können. Diese Informationen müssen verlässlich sein und es darf nicht zu viel Geld kosten, an sie heranzukommen. Hier zeigt sich besonders das Zusammengehen der Medien mit Wirtschaft und Regierung. Einflussreiche Organisationen wie Konzerne, Arbeitgeberverbände und vor allem die Regierung geben eine Informationsflut heraus, die die Medien dankbar aufnehmen und gegen die sich die Informationsausgabe von unabhängigen kritischen Organisationen wie ein Tropfen ausmacht. Regierungsquellen werden meist per se als wichtig und wahr eingestuft. (Das wird auch als das Prinzip der bürokratischen Affinität bezeichnet.(2)) Nur Bürokratien können den Bedarf der Nachrichtenbürokratien decken.
Den vierten Filter nennen die Autoren »Flak«. Er stellt die negativen Reaktionen auf Presseberichte dar. Darunter fallen Beschwerden, Drohungen mit Gerichtsverfahren, Gerichtsverfahren selbst, Boykotte und Ähnliches mehr. Wird »Flak« großangelegt organisiert – wenn einflussreiche Gruppierungen dahinter stehen –, kann es kostspielig und unangenehm für die Medien werden. Werbekunden könnten sich abwenden, und Produkte, die mit der Medienanstalt in Verbindung stehen, könnten boykottiert werden usf. Darüber hinaus funktioniert »Flak« als eine ständige Einflussnahme auf die Medien. Kommentare zu gewissen Darstellungen funktionieren als »Berichtigung«. So werden Themen, die es produzieren könnten, in der Regel vermieden.
Der fünfte Filter in den USA ist schließlich die Betitelung des Gegners im Diskurs als »Kommunist«. Die negative Konnotation dieses Schlagwortes verunglimpft sofortig die Position dessen, der damit in Verbindung gebracht wird. In Deutschland wäre wohl eher Antiamerikanismus, Staatsfeindlichkeit, anti-jüdisches Sentiment und auch die Verwendung einer Verschwörungstheorie anzuführen. Wenn diese Begriffe auftauchen, gehen sofort alle in Deckung. Niemand möchte damit assoziiert werden, und so wirkt die Bezichtigung von Gegnern mit diesen Schlagworten Wunder gegen unliebsame Meinungen.
Alle diese Filter bewirken, dass die Unabhängigkeit der Medien und ihre Funktion in der Gesellschaft erheblich beeinträchtigt ist. Es entsteht eine Medienrealität, die von den herrschenden Diskursen in Politik und Wirtschaft hervorgebracht und von den Medien selbst weitergeführt wird. Diese Medienrealität wird vom so zu bezeichnenden Meinungskartell, das aus Vertretern der Politik, der Wirtschaft und der Medien besteht, gebildet. »Anstatt kritisch zu analysieren, betet der Journalismus mehrheitlich und kritiklos die Parole nach,« die es jeweils zu befördern gilt«, schreibt Christoph Werth in seinem Artikel »Wer nicht spurt, wird ausgeladen« (3). In diesem Fall gilt das alte neoliberale Dogma, welches von Margaret Thatcher stammt, dass es keine Alternative zum neoliberalen Sozialabbau gibt.
Warum z. B. hat niemand von dem Völkermord in Ost-Timor gehört, als dieser geschah, fragen Herman und Chomsky konkret. Die indonesische Armee hat mit passiver Unterstützung der Amerikaner diese südostasiatische Insel okkupiert und war seit 1975 dabei, die Einheimischen auszurotten. Dabei sah die Welt nur zu, und es erschienen kleine Artikel in den hinteren Teilen der Zeitungen.
Viele werden einwenden, dass die Lage in Deutschland bzw. Europa anders sei. Aber auch hierzulande kontrolliert der Einfluss der etablierten Institutionen und damit der etablierten Ordnung, der Macht, die Medienrealität. Und in den letzten 20 Jahren hat sich die Lage noch verschärft. Die Medien verstehen sich immer mehr als Meinungsmacher und weniger als objektive Berichterstatter. Zunehmend wird auch in den Nachrichten Partei ergriffen und Meinung gemacht.
Eine besondere Betrachtung verdient hier die Wiedervereinigung Deutschlands. Die politische Elite ging im Eiltempo vor, um den Osten zu kolonialisieren, d. h. die Besitzverhältnisse zugunsten der westdeutschen Kapitaleigentümer zu gestalten und das westdeutsche Gesellschaftssystem in Ostdeutschland zu etablieren. Das damit äquivalente völlige Fehlen des Willens der Verantwortlichen nach der Vereinigung, andere Bestrebungen und damit Qualität und Diversifikation in den Medien aufrechtzuhalten, zeigte sich deutlich in der Abwicklung vieler kritischer Programme und Sender.
Die Medien erzeugen zudem auch in Deutschland Angst. Denn Menschen, die sich ängstigen, stimmen in altbewährter Manier gerne der Einschränkung von bürgerlichen Rechten und der Aufstockung der staatlichen Kontrollinstanzen zu. Seitdem der Kampf gegen den Terror begonnen hat, werden außerdem regelmäßig Terrorwarnungen herausgegeben, die wohl nur das Ziel haben, die Menschen zu ängstigen.
Weiterhin treiben die Medien jede Woche »eine neue Sau durchs Dorf«. Ihre Aufmerksamkeitsspanne gleicht der eines Kleinkindes. Die Sensationsgeilheit hat sie fest im Griff.
Auch in der Unterhaltungsindustrie ist das Bild ähnlich. Dort werden mit Vorliebe kranke Charaktere präsentiert, die mit aller Macht daran gehindert werden müssen, Böses zu tun. Die niederen Instinkte wie Rache und Habgier werden mit Vorliebe präsentiert und ausgeweidet. Auch in Deutschland werden wir mit einer Übermacht der amerikanischen paranoiden Plastikscheinwelt aus Hollywood konfrontiert, deren Botschaften die deutschen Medien mittlerweile verinnerlicht haben.
So ist selbst dieser in der westlichen Welt hochgehaltene »Markt der freien Meinungen« in seiner Funktion erheblich gestört und gewährleistet nicht mehr einen Wettstreit der Meinungen, sondern transportiert die von der »Macht« erzeugte Medienrealität.
Mittlerweile ist auch die objektive Berichterstattung als Leitbild über den Haufen geworfen worden, und die Medien beziehen ganz unverhohlen in der Berichterstattung Position. Was für eine Politik sie dabei betreiben, hängt von den Eigentumsverhältnissen ab.

Edward S. Herman, Noam Chomsky, Manufacturing Consent; New York: Pantheon Books 1988
(2) Mark Fishman, Manufacturing the News, Austin, University of Texas Press, 1980, S. 143ff.
(3) Wochenzeitung, »Freitag«, Ausgabe 48/2004, 19.11.2004.