Pluralismus?

21. August 2009

Wir haben schon viele Klagen über den allgegenwärtigen Kommerz gehört, tatsächlich auch bestimmt der schnöde Mammon unser Leben zu einem eigentlich untragbaren Grad. Wäre nicht das Verlangen nach Reflexion, so würden wir – wenn Mammon gnädig wäre – stets im hedonistischen Niemandsland unreflektiert dem Schönen Kurzweiligen frönen.

Den etablierten Schichten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur verdanken wir nun, daß der Bereich der Kultur und auch der der Wissenschaft nicht gänzlich dem Kapitalismus ausgeliefert sind, doch sogleich stellt sich die Frage, wem sie ausgeliefert sind. “Was?”

Wieso sie denn ausgeliefert seien? Die Macht ist schnöde und schön ist noch lang nicht das, was schön ist und wahr schon gar nicht, was wahr ist.

Heute glauben wir, dass wir in einer »permissive society« leben, in der jeder seines Glückes Schmied ist, in der jeder – innerhalb der Grenzen des Rechts – tun und lassen kann, was er will. Das Individuum sei frei, sein Leben zu entwerfen. Doch sobald wir uns in die Praxis des Zusammenlebens begeben, stoßen wir auf Schranken, Regeln, Verbote und Mauern. Die zahllosen Unfreiheiten, denen wir begegnen, werden immer begründet durch die Hauptargumente »zum gemeinschaftlichen Wohl« und »aus ökonomischen Zwängen«.
Betrachtet man diese beiden Hauptargumente einmal näher, erkennt man sehr deutlich, welche Intentionen dahinter stecken. Wie in allen Gesellschaften, versucht sich die herrschende Ordnung zu erhalten und zu reproduzieren. Zunächst einmal geht es hier um Lebensraum, um Orte und Einrichtungen, an denen das freie Ausleben der Interessen und Bedürfnisse der Menschen möglich ist. In unserer modernen kapitalistischen Gesellschaft aber gilt für jeden Jugendclub, jedes Café, jeden Aufenthaltsort erst einmal der Zwang der Finanzierung. Überall wird ein mehr oder minder hoher Wegezoll berechnet. Da, wo echte alternative Lebensentwürfe praktiziert werden, ist die Finanzierbarkeit meist nicht gesichert, steht man unter der Willkür staatlicher Förderung oder kämpft ums Überleben. Die öffentlichen Plätze werden nach den Gesetzen des Kommerzes verteilt und abgegrenzt.
Da ein allgemeiner Konsens darüber herrscht, was wünschenswert im Stadtbild ist, werden z. B. die Wagenburgen, die nicht in dieses Bild passen, nach Möglichkeit vertrieben.
Doch das System ist zunächst nicht auf Repression ausgerichtet, sondern auf Integration. Das Individuum soll sich anpassen. Mit viel Doppelmoral wird die libertäre Ordnung, die Freiheit des Individuums, hochgehalten. Das Individuum wird ins »Rattenrennen« integriert, auf es wird das Konsumverhalten übertragen, die Normierung des Verhaltens und der Bedürfnisse mit einer zugleich stetig wachsenden Bürokratisierung setzt ein. Die Menschen werden an der Selbstorganisation gehindert, die Angewiesenheit auf Institutionen und den Staat wird immer weiter erhöht. Auch der Solidarisierung der Individuen wird entgegengewirkt. Stattdessen findet eine zunehmende Vereinzelung der Individuen statt, allein schon aus Mangel an geeigneten Orten und dem ständigen Wegezoll, der alles Ausgehen begleitet.
Man kann sagen, dass der Kapitalismus viel subtiler und darum viel verlogener unterdrückt, als etwa der Sozialismus es getan hat. In kapitalistischen Gesellschaften werden die Menschen dahingehend erzogen und konditioniert, möglichst gut zu funktionieren. Der Individualismus wird unterdrückt; wirkliche Grundsatzdiskussionen werden nicht gerne gesehen. Alternative Gesellschafts- und Lebensentwürfe werden in Kernpunkten diskreditiert und andere ihrer Elemente, die dem System nicht bedrohlich sind, werden assimiliert.
Am wirksamsten werden wir über die Medien kontrolliert und beeinflusst. Vor allem das Fernsehen manipuliet sehr subtil und vermittelt Werte. Wie Jello Biafra, ein Punk-Musiker, anmerkte, läuft es nicht darauf hinaus, dass primär Repression ausgeübt wird, nein, die Habgier und der Neid der Menschen werden gefördert und gesteigert: Wir richten uns danach aus, was die anderen haben, bis wir es schließlich nicht mehr ertragen können, wenn es jemand anderem besser geht.
Das Maß für die Toleranz ist aber, wie viel Raum und wie viel Verbreitung gegensätzlichen Standpunkten und Lebensweisen gewährt wird. Dies ist der Punkt, an dem wir beginnen sollten, uns zu wundern. Der öffentliche Raum ist dermaßen stark kontrolliert von der »Macht«, dass die gleichförmige Suppe aus Kommerz und Konsumwahn mit ihrem allgegenwärtigen Wegezoll überall auf der Welt dieselbe eintönige Landschaft entstehen lässt. Auch aus den Medien, dem anderen großen öffentlichen Raum, schlägt uns dasselbe Gebräu entgegen, dort ergänzt durch surreale Realitätsverzerrung.
Denn Tatsache ist, dass, obwohl in Europa der Staat weitaus größeren Einfluss auf Radio und Fernsehen nimmt als in den Vereinigten Staaten, die Parteiendemokratie ihrerseits kaum geeignet ist, andere Standpunkte als die des herrschenden Diskurses und andere Inhalte als die der allgegenwärtigen Oberflächlichkeiten und sogar des »Schunds« zu transportieren. (Der Umgang mit der PDS zu Beginn ihres Wirkens mag ein Beispiel dafür sein.) Sicherlich sehen wir ab und zu auf Sendern, die »anders fernsehen« als Slogan haben, wirklich informative und anregende Sendungen, aber diese sind tief verborgen im Sumpf des Konsumwahns und der Wirtschaftspropaganda.
Bei den Print-Medien ist es kaum besser – man muss nur einmal betrachten, welche Schwierigkeiten linksgerichteten Zeitungen daraus erwachsen, dass sie den Konzernen kritisch gegenüberstehen. Der einzige Markt, der auf breiter Basis konträre Meinungen transportiert, scheint der Büchermarkt zu sein.
Während des Aufwachsens in dieser Gesellschaft entdecken sehr wenige – meist nur die hartnäckigsten Sucher – etwas mehr als das etablierte und nach allen Seiten abgeschottete moderne Weltbild. Die Leichen in den Kellern auch der Demokratie und ihrer Wissenschaft sind dort sehr sicher aufgehoben.
Die lapidare Feststellung, dass die Ökonomie unser Leben regiert, verschleiert, inwieweit der Raum des kulturellen und sozialen Lebens von den sie tragenden Strukturen – der »Macht« – kontrolliert wird. Dass in Berlin etwa kein einziger Radiosender am Tag Musik abseits der diversen Mainstream-Musikrichtungen anbietet, ist bezeichnend. Die Moderatoren können da ebenfalls nur in das allgegenwärtige Seifenoperntralala einstimmen – und sehr selten einmal kommt es vor, dass gute, schneidende Kritik transportiert wird. Der öffentliche Raum wird sauber gehalten. Nicht nur den Anarchisten, Autonomen oder Punks – um hier die offensichtlichsten Gegenarchitekturen zu nennen – werden öffentliche Räume verwehrt.
Sicherlich vermögen Gegenarchitekturen Anstöße zu geben, und die Assimilationsfähigkeit des Systems ist erstaunlich – Punkmode als neuer Verkaufsschlager, aber natürlich werden die kritischen oder radikalen Inhalte nicht positiv multipliziert.
Wie lange dauert es, bis wir dahinterkommen, dass die Freiheit, die in den Demokratien so hoch gehalten wird, auch nur dann gewährt wird, wenn die Anpassung so weit fortgeschritten ist, dass ein Gegenentwurf nicht mehr möglich ist?
Versuchen Sie einmal als Konträrer das Leben zu leben! Als Anarchist, der den Besitz eines Bankkontos ablehnt, oder auch als Künstler – in diesem Bereich, in dem Geld erst reichlich fließt, wenn außerordentliches Glück den Betreffenden in die richtigen Situationen transportiert hat. Vor diesem schwierigen Weg wird zu Recht gewarnt, statt dass er gefördert wird.
Abseits vom Verfassungsschutz, von rechter und linker Radikalität, gibt es reichlich Faux-pas, die einen zur persona non grata machen oder aber zum faszinierenden Außenseiter, der es allenfalls mit großem Glück zu Beachtung (und Geld) bringen kann.
Doch gleichzeitig zersplittert die Gesellschaft zunehmend. Wir haben nicht mehr nur zwei Welten, wir haben deren Tausende. Neue Lebenswelten entstehen überall, die des Techno, die der Surfer, usw. usf. Es sind eigene Welten mit eigener Lebensanschauung und Lebensart. Doch all diesen ist gemeinsam, dass es nur zwei wirkliche Alternativen gibt – entweder als Aussteiger ohne gesellschaftliche Achtung, ohne Einfluss und Vermögen zu leben und also wiederum nicht zum gegenwärtigen Diskurs beizutragen, oder die vielen »nicht bezweifelbaren« Wahrheiten zu verinnerlichen und den alltäglichen Wahnsinn als quasi gottgegeben zu akzeptieren.
Denn die Welt, die wir vorfinden, erwuchs aus Tausenden Jahren von »Überlebenskampf«, Barbarei und Intoleranz. Wie soll da der »aufrechte Mensch« entstehen, in einer Welt, in der das Leben reglementiert und automatisiert wird und das Nachdenken – wie eh und je – eine gefährliche Sache ist.
Unsere momentane gesellschaftliche Ordnung basiert auf Ausbeutung sowie auf politischer und sozialer Bevormundung. So ist es natürlich ganz folgerichtig, dass die Freiheit des Menschen in zentralen Bereichen eingeschränkt wird. Nur mit Hohn gelingt der Blick auf unser politisches System, unsere angebliche Demokratie.