Selbstbestimmte und selbstregulierte Gemeinschaften

25. Juni 2010

(Auszug aus “Die fünf Schlüssel zu Utopia”)

Nachdem sich der Staat, auch der Rechtsstaat, als Wahrer der bestehenden Eliten und Machtverhältnisse erwiesen hat, ist es notwendig, ihn radikal umzugestalten. Die Ansätze dafür sind schon vielerorts beschrieben und diskutiert worden. Der zentrale Punkt ist der, dass zunächst die Gesellschaft nicht mehr der Wirtschaft bzw. den Interessen der Eliten dienen sollte, sondern umgekehrt, die Wirtschaft in geeignete Strukturen überführt werden muss, damit sie dem Allgemeinwohl dient.
Das bedeutet eine radikale Neustrukturierung der Gesellschaft. Von der patriarchalischen, autoritären Gesellschaft müssen wir zu einer freiheitlichen und gleichzeitig gemeinschaftlichen fortschreiten. Man sollte sich vor Augen führen, dass eine Gesellschaft, die nicht mehr auf ökonomischer Ausbeutung basiert und ihre Ressourcen gezielt und sinnvoll einsetzen kann, aufblühen wird.

In dem Film »Eine Frage der Ehre« bringt es der im Kalten Krieg aufgewachsene General auf den Punkt: »Wir leben in einer Welt voll von Mauern. Und diese Mauern müssen von Männern mit Gewehren beschützt werden.«
Diese Mauern schützen aber vorwiegend das Privateigentum derer, die mehr haben als der Rest der Bevölkerung. Außerdem schützen diese Mauern die Gesellschaft vor den kranken Individuen, die erst durch die allgegenwärtigen Lügen, die Doppelmoral, sowie durch das Paradigma der Gier krank gemacht oder an den Rand gedrängt wurden.
In einer Welt, die sich auf struktureller Gewalt gründet, in der Ausbeutung und Maßregelung als Aufrechterhaltung der Ordnung missverstanden werden und dies in den Medien von einem furchtbaren Geschrei um Gewalt begleitet wird, wenn sich Individuen gegen die staatliche oder die strukturelle Gewalt wehren, sind wir von einer Lösung des Problems der Gewalt meilenweit entfernt. Und da zugleich Gewalt in den Medien ständig zelebriert wird, wird die Absurdität der gegenwärtigen Haltung deutlich. Die Medien versuchen gleichwohl vom Problem der strukturellen Gewalt abzulenken.
Aleister Crowley, nicht gerade bekannt für seine gemäßigten Auffassungen, war der Ansicht, dass es nur ein Gesetz gibt: »Tue, was Du willst«. Dieser thelemistischen Grundthese liegt die Überzeugung zugrunde, dass jeder Mensch das Potenzial hat, in die Ewigkeit einzugehen. Das ist die Bedeutung des das einzige Gesetz begleitenden Satzes: »Jeder Mensch ist ein Stern«. Wenn ein Mensch sein wahres Wesen und seinen wahren Kern erkannt hat und dem Weg folgt, den ihm diese Erkenntnisse öffnen, dann ist alles, was er will, mit seinem wahren Willen identisch.
Bevor wir uns in intellektuellen Verrenkungen ergehen, sei hinzugefügt, dass aus Crowleys Gesetz eine Gesellschaft resultieren würde, in der starke Individuen ihren Weg eigenverantwortlich bestimmen. Es wird sich dabei um vernünftige und gesunde Menschen handeln, die nicht etwa von Raffsucht, Hass oder Menschenverachtung motiviert sind. Es wird sogleich ersichtlich, dass das anderswo so ge-nannte Hobbes’sche Problem, das Problem von Gesetz und Ordnung, nicht aufgrund der menschlichen Natur auftritt, sondern aufgrund der emotionalen Pest, wie Wilhelm Reich sie nennen würde. Nur aufgrund einer bestimmten Art von Gesetz und Gesellschafts-ordnung nämlich kommt es zu einer solchen Ungleichverteilung und Ungerechtigkeit sowie zu weitverbreiteten charakterlichen Krankheiten, dass der Mensch sowohl durch äußerliche Zwänge beherrscht als auch die Ordnung durch Strafandrohung und mit den Mitteln der Autorität aufrechterhalten werden muss.
Dass der Stärkere den Schwächeren unterwirft, ist sicherlich eine Tatsache. Doch kommt dies nur vor, wenn die gesellschaftlichen Umstände die Motivation des Unterwerfens hervorbringen. Ein wirklich starker Mensch, dem das Wichtigste in seiner Entwicklung sein spirituelles Wachstum ist, wird seine Macht nicht missbrauchen. Eine funktionierende Gemeinschaft, die auf starke Menschen zählt, wird die Formen der Interaktion so weit beeinflussen, dass Konflikte zwischen den Mitgliedern friedlich ausgetragen werden.
Erst eine schlecht funktionierende Gemeinschaft, die den Einzelnen nicht unterstützt und die Folgen ihres unterdrückenden und ungerechten Handelns verschleiert, schafft die Voraussetzung dafür, dass der Einzelne sich im übersteigerten Individualismus und damit den Kontakt zu seinem Gewissen verliert. Das Fehlen von echter Gemeinschaft und sozialer Sicherheit verursacht erst die Probleme, aufgrund derer nach Ordnung und Schutz gerufen wird.
Die Angst vor dem Chaos und der Anarchie ist allgegenwärtig, in der jeder tun und lassen kann, was er will. Dies würde in Anbetracht der weitverbreiteten charakterlichen Seuche auch verheerend sein. Aber in Wahrheit führt der übersteigerte Individualismus zur Ellbogengesellschaft und damit zum Fehlen von Werten und Moral. Doch in einem wahren Teufelskreis wird in der Folge die Gesellschaftsordnung auf Zwang aufgebaut. Dieser Zwang existiert auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens, vor allem aber in den wirtschaftlichen Bereichen. Die institutionalisierte Autorität wird aber nie dazu imstande sein, eine »freiheitliche« Grundordnung zu gewährleisten.
Gemeinschaftlichkeit ist auch hier die Antwort. Statt eine Horde von grünen Männern ihren Dienst tun zu lassen, der an vielen Stellen an Grenzen des Moralischen stößt und zusätzlich die Funktion des Schutzes des Wohlhabenden vor dem Unbemittelten erfüllen muss, kann eine starke Gemeinschaft einen ganz anderen Druck ausüben und eine viel stärkere Legitimation vorweisen.
Heute sehen wir eine Gesellschaft, die auf dem Prinzip des Eigennutzes aufgebaut worden ist. In dieser Ellbogengesellschaft versucht ein jeder für sich den größtmöglichen Gewinn herauszuschlagen. Der Andere ist zunächst einmal ein Konkurrent: um den Arbeitsplatz, im Geschlechterkampf, im Status höher oder tiefer gestellt. Gemeinschaftlichkeit ist die Ausnahme und nicht die Regel. Sie wird auch strukturell unterbunden, denn sie behindert die Konsumgesellschaft.

Eine nicht-autoritäre Gesellschaftsform ist Vorbedingung für eine Nation von aufrechten, eigenverantwortlichen Menschen. Eine solche Gesellschaftsform könnte man als anarchistisch bezeichnen. Der Begriff der Anarchie ist allerdings durch Propaganda so stark belastet, dass er sogleich Angst hervorruft. Dies ist die Angst vor der eigenen Macht, die wir bisher zugunsten der Autorität aufgegeben haben.
Anstelle von einem anonymen und entfremdeten rechtlich geregelten Zusammenleben unter Strafandrohung treten lokale Gemeinschaften, die ihre Angelegenheiten eigenmächtig regulieren. In einer Welt, in der das Individuum in lokale Gemeinschaften und soziale Netzwerke eingebunden ist, wird das Problem der Machtausübung und der Kontrolle in den Hintergrund treten bzw. in der sozialen Interaktion innerhalb der Gemeinschaft sich selbst regeln.
Aber man braucht eine reiche Gesellschaftsform nicht als Anarchie zu bezeichnen. Integere, aufrechte Menschen werden eine solche Gesellschaft bestimmen. Ein wichtiger Punkt ist der Abbau des Zentralismus, der dem Staat und den Politikern erst ihre Macht gibt. Diese muss beschnitten werden. Ein Staat sollte so geführt werden wie etwa ein Post-Unternehmen. Das geht natürlich nur, wenn der Interessenausgleich zwischen den gesellschaftlichen Gruppen gewährleistet ist. Dies ist vornehmlich ein Problem des Wirtschaftssystems, auf das wir noch eingehen werden. Auch die Aufteilung der Welt in Nationen mit ihren imaginären Grenzlinien gehören einem autoritären Denken an, das überwunden werden muss.
In einer reichen Gesellschaft, die auch im Bereich der Wirtschaft neue Wege geht, wird es viel leichter für das Individuum, sich zu entfalten, eigene Pläne und Unternehmen in die Tat umzusetzen. Die Hürde der Finanzierbarkeit und des Profitzwangs wird nicht mehr bestehen, so dass sich enorme Möglichkeiten auftun, gesellschaftlich konstruktive Projekte anzugehen. So wird der Einzelne in ihr aufblühen, denn der Schleier der Lügen und der Druck zur Anpassung und zur Selbstausbeutung werden verschwunden sein.
Damit wird auch der Machtlosigkeit und den mangelnden Möglichkeiten, sich ins gesellschaftliche Leben einzubringen, enorm entgegengewirkt. Die Beseitigung dieser großen Quelle der Frustration wird zudem negative Motivationen in den Hintergrund treten lassen.
Eine reiche Gesellschaft wird nicht auf Egoismus und Ausbeutung, sondern auf Gegenseitigkeit und Kooperation basieren. Die ewigen Streitereien um den Weg, wie dies zu erreichen sei, sollten sich auf die Rolle der Spiritualität besinnen. Das Streben nach Macht gründet auf einer charakterlichen Schwäche, dem Minderwert. Die Versöhnung von Rationalität und Spiritualität, in der Macht dazu benutzt wird, das eigene spirituelle Wachstum zu fördern, wird demnach einer der Grundbausteine einer reichen Gesellschaft sein.